Vor 30 Jahren wuchs in den USA die Angst, vielleicht doch nicht alles haben zu können im Leben. Die geburtenstarken Jahrgänge mussten sich entscheiden: Karriere oder Kind? Gesundheit oder Genuss? Dann brachte Coca-Cola 1982 die Diet Coke auf den Markt, das Symbolgetränk zur Krise der Babyboomer. Als Trost für eine alternde, verunsicherte Mehrheit.

Harry Potter ist ein Sohn dieser saturierten, aber gierig-hungrigen Generation. Geboren 1980, von 1991 bis 1998 Zauberschüler in Hogwarts, Waisenkind und Held von sieben Romanen. Der Abschlussband erschien 2007. Doch nur ein einziger letzter Zeitsprung im Finale zeigte Harrys Zeit nach 1998: Er hat drei Kinder mit seiner Jugendliebe Ginny. Hermine zwei Kinder mit ihrer Jugendliebe Ron. Ginny ist Reporterin, Hermine Beamtin, Ron verkauft Scherzartikel. Alle Kiddies dürfen bald ins Internat.

Nun schreibt die Potter-Schöpferin Joanne K. Rowling zum ersten Mal seit sieben Jahren über Harrys erwachsenes Leben. Der kurze, charmante Gratistext spielt im Jahr 2014, im Umfeld des Endspiels der 427. Quidditch-WM in Patagonien. Parallelen zur aktuellen Realität sind natürlich rein zufällig. Die fiktive Verfasserin ist Rita Kimmkorn, die giftige Klatschkolumnistin aus den Romanen. Doch Neuigkeiten? Brisanter Tratsch? Nur wenige neue Details, deren Bedeutung sich erst zeigen muss.

Nach der Vorgeschichte wird es spannend

"Aufguss! Abklatsch!", krähen manche schon aus Prinzip, wenn eine Erzählwelt fortgesetzt, ein Franchise neu gestaltet wird. Sie ignorieren, wie flirrend, komplex, grandios vertrackt jedes Geschichten-Universum im Lauf von 10 oder 50 Jahren wächst: Zwar ist die Chance gering, dass ausgerechnet der James-Bond-Film Nr. 21, das Batman-Heft Nr. 404 oder Folge drei der vierten Staffel der dritten Star-Trek-Variation plötzlich allergrößte Erzählkunst wagt. Doch haben die Autoren bis dahin viel Erfahrung und Vorgeschichte gesammelt. Sie fragen viel präziser, wer wofür kämpft. Was fehlt. Welche Freiräume, Abgründe gerade solche Figuren bieten, deren Wesentliches man schon kennt. Alles Naheliegende ist erzählt. Jetzt wird es spannend!

Auch ein achter Harry-Potter-Roman oder andere Perspektiven auf Rowlings Zauberwelt hätten dieses Potenzial: Als die Babyboomer zu Eltern wurden, gewannen Kinderfilme plötzlich an Qualität – denn im Jahrzehnt zwischen Kramer gegen Kramer (1979) und Indiana Jones 3 (1989) dachte Hollywood noch einmal ganz neu nach, was es bedeutet, Kind zu sein. Oder Erziehungsberechtigte eines Kindes. Oder Erwachsener, der seine Kindheit zurückließ.

An diesem Wendepunkt, vor dieser Diet-Coke-Frage steht heute auch der 33-jährige Harry: Als Auror lenkt er geheime Schlachten gegen neue magische Gegner. Als früh ergrauter Papa tätschelt er Kindern über den Kopf. Ist Neville Longbottom Alkoholiker? Wird Harrys ältester Sohn ein Slytherin? Was hat Hermine im Lauf der Jahre wieder heimlich im Hintergrund erwurstelt, recherchiert und getrickst?

Rowlings Textchen sind nur Dekoration

Jahrelang werten Potter-Fans solche Indizien  aus – weil Rowling sie auf insgesamt mehr als 3.000 Seiten zu höchster literarischer Wachsamkeit erzogen hat: Im etwas betulichen Agatha-Christie-Stil britischer Krimis tapste Harry sieben Romane lang durch ein Milieu, in dem jedes Detail überlebenswichtig oder Schlüssel zu größten Rätseln sein konnte. Im Antäuschen, Auf- und Übertrumpfen ist Rowling exzellent. Nur bietet Harrys Welt im Jahr 2014 weder Rätsel noch Dringlichkeit: Details, in den Romanen ein Motor, sind in den aktuellen, unwichtigen Schnipsel-Textchen nur Dekoration oder gar Ramsch.

Viele Leser haben Angst vor Rowlings Website Pottermore und den Zusatznotizen, die sie dort allen Romanen nachschiebt. Charmant: die traurige Lebensgeschichte von Minerva McGonagall. Deprimierend: die Schärfe, mit der sie klarstellt, dass Remus Tonks liebte. Aber nie, nie Sirius. Geschichten, so lehrt der Konsumexperte John Fiske, brauchen Lücken und offene Fragen, um ein Publikum zu faszinieren. Auf Pottermore löst Rowling gerade die letzten Widersprüche und Rätsel. Ohne gute neue Fragen anzustoßen.

Antwort oder Lücke? Sättigung oder Appetizer? Abschluss oder ewige Fortsetzung? Wachsen Handlungsstränge jahrelang fort, werden Franchises dicht, komplex – aber träge. Und Hollywood fragt gern: Braucht Spiderman einen neuen Neustart? Sollte Superman nicht jünger sein? Und ungebunden, single? Den Helden eines Jugendbuchs steht vieles offen. Probleme, die Harry mit 13 hatte, sind universell. Erwachsene aber ecken an. Weil sie Entscheidungen treffen müssen. Für Lebensstile. Für Berufe. Für oder gegen Diät-Cola. Harry mit 13, das sind wir alle. Harry mit 33 ist ein Fremder.