Nadine Gordimer war 16, als sie erste Erzählung veröffentlichte. Sie wurde 1923 bei Johannesburg geboren, die Tochter des lettischen Uhrmachers Isidore Gordimer und seiner englisch-jüdischen Frau Hannah. Die Mutter war es, die Gordimer auf Ungerechtigkeiten im Zusammenleben zwischen Weißen und Schwarzen aufmerksam machte. Schon die Mutter gründete eine Kinderkrippe für Schwarze. Und als Gordimer 1953 Entzauberung veröffentlichte, wurde es der Bildungsroman des jungen, weißen Mädchens Helen, das mit der südafrikanischen Apartheid-Ordnung nicht zurechtkommt.

Im selben Jahr heiratete Nadine Gordimer den um 15 Jahre älteren Kunsthändler Reinhold Cassirer, einen in Berlin geborenen Neffen des Verlegers Cassirer. Er war 1935 nach Südafrika emigriert, als sich sein Stiefvater, ein jüdischer Arzt, der Berufsverbot erhalten hatte, erschoss, als er von der SS abgeholt werden sollte.

Politische Bewusstheit unterschiedlicher Art war Gordimer daher selbstverständlicher als vielen anderen weißen Südafrikanern. Sie trat dem Afrikanischen Nationalkongress (ANC) bei, als er noch verboten war. Sie half Nelson Mandela beim Redigieren seiner berühmten Verteidigungsrede I am prepared to die. Mehrere ihrer Bücher waren verboten, trotzdem wollte sie Südafrika weder als Thema ihrer schriftstellerischen Arbeit noch als Zentrum ihres Lebens verlassen. Im Jahr 1974 bekam sie den Booker-Prize, im Jahr 1991 den Nobelpreis für Literatur.

Aus der Schullektüre gestrichen

Man könnte meinen, dass Nadine Gordimer nach dem Fall des Apartheid-Regimes hoch geehrt wurde, was auch der Fall war. Doch die Geschichte ist komplizierter: Julys Leute, das 1981 erschienen und verboten worden war, erlebte auch im Post-Apartheid-Südafrika Zensur. Es wurde 2001 in Teilen Südafrikas aus der Schullektüre gestrichen, weil die Geschichte einer blutigen schwarzen Revolution, während der Weiße gejagt und ermordet werden, auch unter dem neuen Regime politisch nicht korrekt wirkte.

Insofern ist sich Gordimer in ihrem Engagement und Schreiben auf beeindruckende Weise treu geblieben, wie man auch in ihrem letzten auf Deutsch veröffentlichten Roman, Eine Zeit wie diese, sieht. Geradezu programmatisch legt er es darauf an, sich zwischen die Stühle zu stellen, indem er die Geschichte von Steve und Jabulile erzählt. Steve ist ein weißer Südafrikaner, mit einer Gordimer-verwandten Biographie: der Vater war Christ, die Mutter Jüdin. Während Jabulile, seine Frau, schwarz ist. Die Verbindung war gegen die Rassengesetze, das kümmerte beide wenig. Als sie sich im südafrikanischen Untergrund kennen lernten, waren alle "Genossen."

Sind sie es noch? Zu Beginn des Romans zieht das Paar in ein hübsches, kleines Haus in der Vorstadt. Die beiden haben ein Mädchen, Steve ist Naturwissenschaftler an der Uni, Jabulile erfüllt sich einen Traum und studiert Jura. Eine südafrikanische Familie nach der Unabhängigkeit.