Wie jeder junge Mensch, der ein bisschen Verstand und seine sieben Sinne beisammen hat, flüchtete der knapp 20-jährige Thomas Medicus Anfang der siebziger Jahre von zu Hause. Und das hieß: weg aus der mittelfränkischen Provinz, weg vom heimischen Dialekt, weg von der kleinstädtischen Engstirnigkeit. Raus aus Gunzenhausen. Theodor W. Adorno, der damals noch etwas galt, konnte diese Fluchtbewegung auch theoretisch untermauern: "Zur Bildung gehört Urbanität, und ihr geometrischer Ort ist die Sprache", schrieb er. Es sei zwar keinem Menschen vorzuhalten, dass er vom Land stamme, aber man dürfe sich daraus kein Verdienst machen. Wem die Emanzipation von der Provinz missglücke, so Adorno, "der steht zur Bildung exterritorial".

Irgendwann aber, sei es aus familiären oder romantischen Gründen oder gar aus Alterssentimentalität, holt einen die Heimat wieder ein. Im Falle des 1953 geborenen Journalisten Thomas Medicus geschah das vor wenigen Jahren: Sein Sohn wünscht sich, den Herkunftsort des Vaters zu besuchen. Es ist ein bedrängendes Gefühl, das Medicus nun beim Anblick seiner Gunzenhausener Vergangenheit, des "Blastürmle" und der engen Gassen, ergreift. Eine Art Phantomschmerz. Noch etwas anderes ruft ihm die Heimat und sein Unbehagen daran in Erinnerung. Bei der Lektüre von W.G. Sebalds Die Ausgewanderten stößt er auf eine Passage, die ein Pogrom in Gunzenhausen schildert, das sich am Palmsonntag des Jahres 1934 ereignet hatte. Zwei jüdische Männer kamen dabei ums Leben, angeblich durch Selbstmord. Sogar der New York Times war dieses Verbrechen seinerzeit eine Meldung wert gewesen. Es sei das erste Pogrom dieser Art nach Hitlers Machtergreifung gewesen, wird suggeriert. 

Das stimmt nicht ganz. Genau ein Jahr zuvor, am 25. März 1933, fand bereits ein grausames Pogrom in Creglingen statt, ein Dorf in Tauber-Franken mit ähnlicher Sozialstruktur – protestantisch, bäuerlich, dem Führer treu ergeben. Wie sehr sich die Geschehnisse gleichen: Es ist ebenfalls ein von einigen SA-Leuten angetriebener Mob, der sich über die Nachbarn hermacht, mit denen man Jahrzehnte eng zusammengelebt hat. In Creglingen wie in Gunzenhausen werden zwei Menschen getötet. Und hier wie da hat man nach dem Krieg jahrzehntelang in stiller Einkunft über diese Geschichte geschwiegen.

Die Abgründe einer Generation

Für Medicus haben die Vorfälle am Palmsonntag eine besondere Bedeutung: Sein Großvater, Arzt in Gunzenhausen, hatte 1934 die Obduktion durchgeführt, auf die sich das Gericht stützen konnte, als es von einer Selbsttötung der Juden ausgehen wollte. Medicus forscht den wenigen Anhaltspunkten dieser Geschichte nach, konsultiert Akten in Archiven und die Vorarbeiten von Lokalhistorikern, rekonstruiert die damaligen Ereignisse so weit, wie sie fast 80 Jahre später rekonstruierbar sind.

Nun liegt das Ergebnis dieser Recherche vor: Thomas Medicus hat mit Heimat nicht nur ein Buch über dieses 80 Jahre zurückliegende Verbrechen geschrieben, über die zunehmende Ausgrenzung und schließliche Vertreibung der Juden aus Gunzenhausen. Es ist zugleich ein Buch über seine Familie und deren Verstrickungen in die unheilvolle Geschichte. Freud hat davon gesprochen, das ehemals Heimelige kehre wieder als Unheimliches, etwas, das wir nicht verdrängen können und das permanent an unsere Tür klopft. So erinnert sich Medicus daran, wie der Großmutter, als er noch ein Kind war, zuweilen aus dem Nichts undurchsichtige Bemerkungen entschlüpften: "Die Synagoche habens abgerissen", sagte sie einmal im fränkischen Dialekt. Das waren unvermittelte Einblicke in die unheimlichen Abgründe einer Generation, die mit der Verdrängung von Schuld schwer beschäftigt war. 

Provinz als Erfolgsgeschichte

So ist Thomas Medicus‘ Spurensuche nicht zuletzt eine Reflexion über die Rückgewinnung einer von der Väter- und Großvätergeneration verratenen Provinz – und Ausdruck des Wunsches nach einer anderen Heimat. Nach fast 300 Seiten kommt der überzeugte Großstädter zu einem erstaunlichen Ergebnis: "Die Provinz, jedenfalls diese hier, war am Ende doch eine Erfolgsgeschichte. Das dumpfe G., das ich noch gekannt hatte, gab es nicht mehr. Auch Kleinstädter waren mittlerweile hinaus in die Welt gekommen oder holten sich die Welt via Internet ins Haus, mobil waren wir, ob Groß- oder Kleinstädter, jetzt alle. Und auch das Erbe der deutschen Kleinstaaterei zahlte sich weiter aus, Kunstmäzene und Literaturfreunde gab es auch in G., der künstlerische Eigensinn war auf dem sogenannten flachen Lande, hier vor allem hügelig, erstaunlich vital."