Manchmal braucht es nicht viel, um Begeisterung auszulösen. Manchmal reichen wenige Buchstaben aus, in der richtigen Reihenfolge und an der richtigen Stelle stehend, und schon haut es dich um. Allein die Anfänge, diese ersten Widerworte in Uwe Johnsons Romanen funktionierten bei mir wie Liebe auf den ersten Blick. Das eigentliche Debüt, das postum erschienene Ingrid Babendererde. Reifeprüfung 1953 beginnt mit: "Andererseits lief der Schnellzug D 16 am Sonnabend wie üblich seit Mitternacht durch die sogenannte norddeutsche Tiefebene." Im zweiten Roman Mutmaßungen über Jakob von 1959 heißt es: "Aber Jakob ist immer quer über die Gleise gegangen." Beide fangen mit einer Korrektur an, "andererseits" und "aber", so als sei alles, was auf den folgenden Seiten berichtet wird, ganz anders gewesen.

In beiden Fällen ist ein Einspruch das auslösende Moment für die Erzählung, und das ist charakteristisch für das Schreiben von Uwe Johnson. Die Worte markieren den radikalen Gegenentwurf eines jungen, im Osten aufgewachsenen Autors zur DDR-Propaganda und zur staatlichen Kunstdoktrin, dem Sozialistischen Realismus. Mehr noch: Sie kennzeichnen eine Wirklichkeitsbeschreibung, die immer wieder nach Gegendarstellungen verlangt, nach neuen Perspektiven – egal welche Ideologien gerade vorherrschen.

Wie schlicht nehmen sich dagegen die Anfänge der zur gleichen Zeit veröffentlichen Romane der späteren Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll und Günter Grass aus: "An diesem Morgen war Fähmel zum ersten Mal unhöflich zu ihr, fast grob." (Billard um halb zehn), "Zugegeben: ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt, mein Pfleger beobachtet mich, lässt mich kaum aus dem Auge; denn in der Tür ist ein Guckloch, und meines Pflegers Auge ist von jenem Braun, welches mich, den Blauäugigen, nicht durchschauen kann." (Die Blechtrommel). Da ist die Welt klar umrissen, und die Erzähler sind, auch wenn sie wie beim Grass’schen Helden Oskar Matzerath von der Anlage her unzuverlässig sein mögen, sich ihrer Geschichte stets vollkommen bewusst. Johnsons Texte aber sind allesamt Mutmaßungen, Behauptungen, Annäherungen an die Wirklichkeit. "Ich bin sicher", sagte er einmal auf unnachahmlich doppelbödige Weise, "es gibt Geschichten, die man so einfach erzählen kann, wie sie zu sein scheinen. Ich kenne keine."

Die Geschichten, die er schrieb, waren nie einfach, weil das Leben nie einfach ist. Anfang und Ende waren selbstgewählte, wohl überlegte Setzungen, Elemente der Komposition, Ausschnitte aus einem größeren, von einem Einzelnen unüberschaubaren Bild. Der Text: unendlich fortlaufend: Die Figuren: unabhängig von ihm existierend. 

Misstrauen gegen das Eindeutige

Sein dritter Roman, Das dritte Buch über Achim von 1961, handelt vom Scheitern eines Journalisten, der die dritte Biographie eines Radrennfahrers schreiben soll, und setzt mit einer weiteren Provokation ein, der Kleinschreibung: "da dachte ich schlicht und streng anzufangen so: sie rief ihn an, innezuhalten mit einem Satzzeichen, und dann wie selbstverständlich hinzuzufügen: über die Grenze, damit du überrascht wirst und glaubst zu verstehen." Jeder Roman von ihm ist eine solche Grenzüberschreitung, überraschend und subversiv, dem althergebrachten Glauben und dem leichten Verständnis auf einzigartige Weise enthoben.

Vermutlich resultiert Johnsons ästhetisches Misstrauen gegen das Eindeutige, klar Umrissene aus dem vielfachen Verlust von Gewissheiten: aus dem Untergang des Dritten Reiches, das System, das er als Kind kennengelernt hatte; aus der Ermordung des Vaters durch die Sowjets; der Verstrickung der Elterngeneration in die Verbrechen der Nazis; aus den politischen Kampagnen der frühen DDR gegen die Kirche; dem Verrat ihrer eigenen Ideale, eine gerechtere, menschlichere Gesellschaft zu schaffen; aus dem Bekenntnis seiner Frau, ihn mit einem anderen Mann betrogen zu haben, und dem Scheitern seiner Ehe. Die Botschaft, die sich hinter all diesen Erfahrungen verbirgt, lautet: Nichts ist sicher. Und darum kann es auch im Schreiben keine Sicherheit geben.