Wenn viel von Sittenverfall die Rede ist, kann das durchaus auch ein gutes Zeichen sein: Jedem Laster steht schließlich stets ein moralischer Wert gegenüber. Der Verrat kann zum Beispiel nur dann als verachtenswert empfunden werden, wenn gleichzeitig Loyalität allgemein hoch geschätzt wird. Ohne Werte, keine Laster. Wer also verstehen möchte, was einer Gesellschaft jenseits von Lippenbekenntnissen wirklich wichtig ist, muss herausfinden, in welcher Reihenfolge sie ihre Laster anordnet. Die entscheidende Frage lautet hier: Was ist die unverzeihlichste Eigenschaft, die ein Mensch haben kann?

In ihrem Buch Ganz normale Laster, das gerade auf Deutsch erschienen ist, stellt die amerikanische Politologin Judith Shklar deshalb die Untugenden Grausamkeit, Heuchelei, Snobismus, Verrat und Misanthropie versuchsweise an die erste Stelle der Prioritätenliste menschlicher Verfehlungen und untersucht dann, was das jeweils bedeuten würde: Achtet eine Gesellschaft, die Snobismus an die erste Stelle setzt, die Freiheit des Einzelnen höher als den äußeren Anstand? Wie bewertet sie Verstellung? Welche Rolle spielen Aufrichtigkeit, Gleichheit, Toleranz?

Oder die Heuchelei: Setzte man Heuchelei an die erste Stelle der schlimmsten Laster, bedeutete das zwangsläufig, zwischen privater und öffentlicher Meinung keinen Unterschied zuzulassen. Judith Shklar schreibt: "Ist alle Selbsttäuschung, Unsicherheit und Unwahrhaftigkeit schon heuchlerisch, selbst wenn es nur Gedankendinge sind und keine Handlungen, die andere in die Irre führen sollen? Für den, der Heuchelei an die erste Stelle setzt, trifft genau das zu. Sein Entsetzen vor der Heuchelei wird gerade dadurch verstärkt, dass er sie überall zu erkennen glaubt."

Wer Heuchelei an die erste Stelle setzt, kann folglich keinerlei Kompromisse mehr eingehen: "Jeder Versuch, seine Gefühle zu verstecken, jede gesellschaftliche Formalität, jede Rolle und jedes Ritual und schließlich das Versagen, die eigenen Persönlichkeitszüge und Fähigkeiten zu erkennen, werden Heuchelei oder Selbstbetrug genannt. Es ist schon das bloße Mitspielen auf dieser Bühne, das hier verurteilt wird."

Ein Hund mit einer Menge Flöhe

Der Vorwurf der Heuchelei markiert für Shklar deshalb das Ende jeder Diskussion: Wer den anderen der Heuchelei bezichtige, versuche gar nicht mehr, inhaltlich zu überzeugen, sondern attackiere die Integrität seines Kontrahenten. Gleichzeitig ist es die leichteste von allen rhetorischen Übungen, jede beliebige Aussage als heuchlerisch zu enttarnen. Ein Gespräch, das erst einmal auf dieser Ebene angelangt ist, wird deshalb niemals zu einem Ergebnis führen. Es verkommt zur bloßen Machtprobe. In einer Gesellschaft, die Heuchelei an die erste Stelle setzt, überwiegt deshalb Stärke über Argumentation.

Ähnlich verhält es sich mit Snobismus und Verrat: Beides unschöne Eigenschaften, aber sind es wirklich die schlimmsten? Aldous Huxley habe im Snobismus sogar eine Triebfeder gesellschaftlicher Aktivität gesehen: "Eine Gesellschaft mit einer Menge Snobs ist wie ein Hund mit einer Menge Flöhe: Beide sind selten träge." Und ähnlich wie die Heuchelei hat auch der Verrat den Nachteil, dass man ihn im Grunde ständig begeht. Der moderne Mensch tritt gegenüber seiner Familie, seines Arbeitgebers, seines Online-Versandhändlers und der NGO seiner Wahl in so vielen verschiedenen Rollen auf, dass es im Grunde unmöglich ist, deren konkurrierende Ideale nicht permanent zu verraten.

Stünde also der Verrat an erster Stelle, wäre man schon dann gesellschaftlich erledigt, wenn man für eine Firma arbeitet, die den Überzeugungen der eigenen Eltern nicht vollkommen entspricht. Eine liberale Gesellschaft gesteht ihren Mitgliedern hingegen zu, in verschiedenen Kontexten verschiedene Positionen zu vertreten und die eigene, wahre Überzeugung, so es die überhaupt geben kann, im Zweifelsfall zu verschweigen – auch, und vielleicht gerade vor sich selbst.