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Der kleine weiße Tischtennisball fliegt durch die Luft. Die Zeit bleibt stehen. Fünf, sechs, sieben, acht Bilder vergehen nach dem Hochwerfen und dann geht alles so schnell, dass man sie gar nicht mehr sieht: DIE ANGABE DES TODES. Ein glattes Ass.

 Es ist ein Schlüsselmoment in Kinderland, dem neuen Comicroman des Berliner Zeichners Mawil, der beim Comic-Salon in Erlangen mit dem Max- und Moritz-Preis als "Bestes deutschsprachiges Album" ausgezeichnet wurde. Ein Schlüsselmoment im großen Match, bei dem der ganze Schulhof zuschaut, der erste Punkt der beiden Siebtklässler Mirco und Koslowski gegen zwei deutlich ältere Jungs. Und ein Schlüsselmoment im Erwachsenwerden von Mirco Watzke, einem kleinen ängstlichen Jungen mit Brille und Nichtfrisur; nicht hübsch, nicht cool, nicht mutig, nicht einmal unbeliebt. Spitzname: Heulsuse.

Klassischer Coming-of-Age-Stoff wird von Mawil hier erzählt, aber aus einer besonderen Perspektive. Wir befinden uns im Sommer 1989. In der DDR. Noch bevor die großen Schritte in der Weltpolitik anstehen, tut sich schon einiges in Mircos Leben. Ebenjener Koslowski, ein Außenseiter, ohne Vater und nicht mal bei den Thälmannpionieren, kommt neu auf die Schule. Er ist groß, ruppig, nimmt in der Pause den anderen Kindern auch mal das Telespiel weg, aber mit Mirco kommt er ganz gut klar. Und dann ist da eben dieses Tischtennis. Die erste Sache, die Mirco wirklich gut kann. Sogar ein Schulturnier will er veranstalten.

Dynamisch und irre detailreich

Sieben Jahre sind vergangen seit Mawils letztem Comicband. Seinen Durchbruch hatte Mawil, der eigentlich Markus Witzel heißt, 2004 mit Wir können ja Freunde bleiben, einem urkomisch-todtraurigen Kompendium von selbsterlebten Liebeskummergeschichten. Er war Teil der ersten Welle deutscher Zeichner, die von den Feuilletons neugierig inspiziert und erklärt wurden: Warum das jetzt mit den Comics nicht mehr so sei wie früher, kein Kinderkram oder Actionschrott, sondern dass eine neue Generation da ganz neue Qualitäten raushole; Zwischentöne, Anti-Helden, Ironie, speziell eine so kaum gekannte Subjektivität – alles Eigenschaften, die für Mawil doppelt gelten.

Auch in seinen folgenden Comics Die Band und Action Sorgenkind sowie in vielen Kurzstorys ging es bei Mawil immer wieder um: Mawil, sein Leben in der Berliner Kunsthochschulen-Bohème, um Radtouren an die Ostsee, WG-Partys, Sprayertouren als Jugendlicher und so fort. Langweilig wurde das Thema nie, denn Mawils Erzählweise gleicht der guter Lesebühnenautoren. Nicht auf die Handlung kommt es an, sondern auf die Atmosphäre, die pointierte Schilderung von Situationen, die "Genau wie bei mir!"-Effekte beim Publikum. Mawils Dialoge klingen wie echte Sprache und nicht wie diese Sätze aus deutschen Filmen, sein Timing sitzt passgenau, seine Zeichnungen sind dynamisch, wie hingeworfen, und zugleich irre detailreich.

So ist das auch in Kinderland, das von Mawil-Altfans dennoch einige Umgewöhnung erfordert. Vor allem der Humor ist hier deutlich niedriger getaktet, verständlicherweise: stolze 300 Seiten ist Kinderland stark. Eine Strecke, die man erstmal bewältigen muss. Sogar Bücher übers Drehbuchschreiben hatte Mawil sich durchgelesen, erzählt er. Nur das Rausschmeißen von schönen Nebenideen, habe nicht so recht hingehauen.

Das spürt man. Am Stück gelesen ist Kinderland etwas ermüdend, so etwas wie einen sich langsam aufbauenden Spannungsbogen gibt es nicht. Mawil macht eben, was er am besten kann und lässt Episode auf Episode folgen. Mal geht es ins Sommerzeltlager, mal hat der Bus eine neue Route, dann gibt es Stress zu Hause, es wird Fußball gespielt oder es ist Pionierversammlung. Immer wieder muss Mirco neue Dramen und Herausforderungen meistern, die in diesem Moment so wichtig sind wie die gesamte Welt. So wie eine Kindheit eben ist.