Der Arzt hat Bilder von meiner Lunge gemacht. Die sind voller Schneeflocken.
Als ich das Sprechzimmer verließ, waren die Leute im Wartezimmer froh, dass sie nicht ich waren. Gewisse Dinge lassen sich im Gesicht ablesen.
Ich wusste, dass irgendetwas nicht stimmte, denn zwei Tage zuvor hatte ich einen Typen eine Treppe hinauf in den zweiten Stock verfolgt und keine Luft mehr bekommen. Es war, als hätte mir jemand eine Hantel auf die Brust gepackt. Die zwei Wochen davor hatte ich ziemlich heftig gebechert, aber ich ahnte, dass mehr dahintersteckte. Der plötzliche Schmerz machte mich so wütend, dass ich dem Typen die Hand brach. Außerdem spuckte er Zähne. Er beklagte sich später bei Stan über meine maßlose Gewalt.  

Aber deshalb wurde ich ja angeheuert. Immer schon. Weil ich maßlos bin.
Ich erzählte Stan von den Schmerzen in der Brust, und er schickte mich zu einem Arzt, der ihm vierzig Riesen schuldete.
Auf der Straße vor der Praxis holte ich meine Zigaretten aus der Jacke und wollte das Päckchen zerquetschen, beschloss dann aber, dass dies nicht der Augenblick war, um aufzuhören. Ich zündete mir direkt eine an, aber sie schmeckte beschissen, und der Rauch ließ mich an Baumwollfasern denken, die durch meine Brust waberten. Busse und Autos glitten vorüber, Chrom und Scheiben reflektierten das Licht. Hinter meiner Sonnenbrille schien es, als wäre ich am Grund des Meeres angelangt, und die Fahrzeuge waren die Fische. Ich stellte mir einen kühleren, düstereren Ort vor, und die Fische verwandelten sich in Schatten.

Die Hupe eines vorbeifahrenden Wagens schreckte mich auf. Ich trat auf die Straße und winkte ein Taxi heran.
Ich dachte an Loraine, die junge Frau, mit der ich früher mal zusammen gewesen war, und daran, dass ich mich einmal am Strand von Galveston eine ganze Nacht lang mit ihr unterhalten habe. Von dort, wo wir gesessen hatten, hatte man den dichten weißen Rauch der Ölraffinerien sehen können, der sich in der Ferne nach oben geschraubt hatte wie eine Straße, die in die Sonne führt. Das musste jetzt zehn, elf Jahre her sein. Sie war schon immer zu jung für mich gewesen.
Nicht nur wegen der Röntgenaufnahmen war ich stinksauer, Carmen, die Frau, die ich als meine Freundin betrachtete, hatte angefangen, mit meinem Boss Stan Ptitko zu schlafen. Jetzt war ich unterwegs, um ihn in seiner Bar zu treffen. Ziemlich sinnlos war das, aber du hörst nicht einfach auf, der zu sein, der du bist, nur weil in deiner Brust ein Wirbelsturm aus Seifenflocken tobt.
Ich hatte wohl keine Chance, da lebend rauszukommen, aber genau wissen, wann, wollte ich auch nicht. Ich würde einen Teufel tun, Stan und Angelo davon zu erzählen. Ich wollte nicht, dass sie, wenn ich nicht da war, in der Bar abhingen und Witze über mich machten.

Die Scheibe des Taxis war mit verschmierten Fingerabdrücken übersät, dahinter kam Uptown langsam näher. Manche Städte öffnen sich einem, aber New Orleans hat nichts von einem Tor. Die Stadt ist wie ein eingesunkener Amboss. Sie hat sich diese Atmosphäre selbst geschaffen und muss sie nun ertragen. Die Sonne flirrte wie ein Stroboskop zwischen Gebäuden und Eichen, Licht und Schatten huschten abwechselnd über mein Gesicht. Ich musste an Carmens Arsch denken und daran, wie sie mir über die Schulter zugelächelt hatte. 

Ich dachte immer noch viel an sie, was nichts brachte, denn sie war eine herzlose Hure. Als das mit uns anfing, war sie eigentlich mit Angelo Medeiras zusammen. Ich schätze, ich habe sie ihm mehr oder weniger ausgespannt. Jetzt war also Stan an der Reihe. Angelo arbeitete ebenfalls für ihn. Die Vorstellung, dass sie hinter Stans Rücken noch ein paar andere Typen vögelte, kühlte den Schmerz der Demütigung ein wenig.

Ich überlegte, wem ich von meiner Lungengeschichte erzählen konnte. Irgendjemandem wollte ich es erzählen, denn niemand wird bestreiten, dass das eine verdammt beschissene Nachricht ist, zumal wenn man noch Geschäfte zu erledigen hat.