Deutschen Politikern zuzuhören ist eine Qual. Ihren Reden mangelt es an Esprit, Elan, Eloquenz, einfach an allem. Gregor Gysi gilt hierzulande bereits als Sprachtalent. Redekunst ist etwas anderes.

Große Redekunst ist, wenn man sein politisches Anliegen begeistert und geistreich verteidigt. Vorausgesetzt, man hat eines! Demagogen und Diktatoren können das sehr gut. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan beispielsweise hat durch bloßes Reden bewirkt, dass er gewählt wurde. Die wirtschaftlichen Erfolge konnte er erst später beweisen. Schaut man sich hingegen Angela Merkels berühmte "Wachstum auf Pump bringt Krise zurück"-Rede an, wird der Kontrast schnell klar.

Als die Kollegen vom Wochenmagazin Der Spiegel kürzlich veröffentlichten, dass Merkel politische Aussagen vorab an Bürgern testen ließ, um sie dann als Haltung der Partei, der Regierung oder womöglich eigene zu präsentieren, war man doch überrascht. Bei allen Stärken, die Frau Merkel zweifelsohne hat, zählt die zügige Meinungsbildung unbedingt nicht dazu. Doch entschuldigte man das stets damit, dass sie sich erst nordic walkend und gemächlich ein Bild von der Welt machen muss. Tatsächlich wartete sie die Ergebnisse der Meinungsforschungsinstitute ab.

Es geht nämlich um "Statements", wie das in der Welt der O-Töne heißt. Statements sind wie Einstecktücher. Meistens hängen sie albern und überflüssig heraus, sind aber leider in Mode. Und ergo wird gequasselt und palavert und Luft gequirlt. Dass sich Politiker mittlerweile selber nicht mehr gerne zuhören, sieht man, wenn man eine Parlamentsdebatte verfolgt. Die meisten Kollegen sind entweder schon eingenickt oder gar nicht erst anwesend.

Traut sich doch mal ein Redner aus dem Windschatten heraus, wird er gleich der "Attacke" bezichtigt. Attacke! Wer das meint, hat noch nie pöbelnde und prügelnde Parlamentarier erlebt!

Als Finanzminister Wolfgang Schäuble jüngst seine Meinung über die politische Ausrichtung der AfD formulierte – er verglich die AfD mit den Republikanern, nannte sie "hemmungslos demagogisch" und forderte einen Konfrontationskurs –, da hieß es sogleich: er attackiere. Dabei äußerte Schäuble lediglich klar und unmissverständlich seine Meinung über einen Tatbestand, den niemand, der auch nur über einen Funken politischer Grundbildung verfügt, leugnen kann. Nämlich dass die AfD in ihren Reihen rechtsextrem gesinnte Mitglieder hat. Also noch waldorfmäßiger kann man sich nun wirklich nicht ausdrücken.

Vielleicht war Schäubles klare Haltung auch eine Reaktion auf Horst Seehofers zuvor geäußerte Einschätzung über AfD-Mitglieder, die ja nun wirklich keine "braunen Dumpfbacken" seien. Was sind braune Dumpfbacken, fragt man sich? Offenbar gibt es für den CSU Chef nur zwei Kategorien von rechts. Normale Rechtsgesinnte, die selbstverständlich zur deutschen Parteienlandschaft gehören und braune Dumpfbacken, die in Springerstiefeln nachts Asylbewerberheime anzünden. Dabei sind Springerstiefel voll Neunziger. Die neuen Rechten tragen Maßanzug.

Der bemerkenswertere Satz über die Konkurrenz von rechts war allerdings dieser:

"In der AfD gibt es gut ausgebildete und kluge Leute."

Man möchte ausrufen: Ja und? Können gut ausgebildete und kluge Leute keine rechten Dumpfbacken sein? Wissenschaftler, die über ihr Fachgebiet Auskunft geben können, sind noch lange keine Garanten für kluge Politik. Die AfD scheint der beste Beweis zu sein. Es stellt sich außerdem die Anschlussfrage, ob es in der CSU keine klugen Leute gibt.  Warum sonst ist es ein unbedingt herauszustellendes Merkmal, dass in einer Partei, deren wichtigstes Image das Professorale ist, die habilitierten Mitglieder gut ausgebildet und klug sind? Gibt es Seehofers Ansicht nach auch dumme und schlecht ausgebildete Professoren? Wo? In der CSU?

Hätte Seehofer gemeint, dass es in der CSU  kluge und gut ausgebildete Mitglieder gibt, hätte er das kleine Wörtchen "auch" mitgesprochen. Hat er aber nicht. Es schwingt unüberhörbar eine gehörige Portion "Reschpekt!" aus Seehofers Satz. Hier spricht der klassische Fan, ein Schwärmer, angesichts des Erfolges einer AfD, die rechts genug ist, um mit ihr, wenn es sein muss, zu koalieren und die gut angezogen genug ist, damit es auf gemeinsamen Bildern nicht peinlich wirkt.

Nur zur Erinnerung, nicht als Vergleich: Schon die Geschichte hat gezeigt, dass Akademiker sehr wohl Unheil anrichten können. Goebbels war studierter Germanist und Historiker, Hitler hatte sich immerhin an der Kunstakademie beworben, wenn auch erfolglos, aber er konnte zeichnen, dafür braucht es einen gewissen Feinsinn. Die Führungskader in der NSDAP waren Akademiker oder Absolventen von Elitekadettenanstalten. Mit anderen Worten: In der NSDAP gab es gut ausgebildete und kluge Leute.