Die Schauspielerin und Autorin Lena Dunham © Jason Kempin/Getty Images

Wenn Hannah Horvath in der US-Fernsehserie Girls mit ihrem Freund Sex haben will, dann sieht es ein bisschen so aus, als ob eine Hummel auf eine unscheinbare Blüte plumpst. Erst kürzlich konnte man in der dritten Staffel sehen, wie es mal wieder nicht so richtig klappen wollte mit dem Sex. Hannah kullerte mit den Worten "Was soll's; ist keine große Sache; ich lieb dich trotzdem" angestrengt lächelnd von ihrem Freund. Sie hätte auch sagen können: "Macht nichts, dass du meinen Kaffee verschüttet hast; ich wollte sowieso viel lieber einen Milchshake."

Hannah Horvath ist Lena Dunham. Wer sich in den vergangenen zwei Jahren mit dem Lebensgefühl von Frauen in den Mittzwanzigern beschäftigte, kam an diesem Namen nicht vorbei. Lena Dunham ist 28 Jahre alt und in Amerika ein Star. Für die Serie Girls, in der sich junge Männer auffallend oft am Kopf kratzen und einander fragen, wie es ihrem Penis geht, ist sie als Autorin, Regisseurin, Produzentin und Hauptdarstellerin tätig. Sie wird als Multitalent gefeiert, als Ikone eines modernen Feminismus. Das Time Magazine wählte sie vor zwei Jahren zur "Coolest Person of the Year".

Die Fangemeinde von Girls ist groß. Die Serie über das Leben von vier jungen Frauen in New York ist so etwas wie das Pendant zu Sex and the City. Es ist als hätte Dunham beim Cutter der Serie in den Abfällen gewühlt und aus dem Schiefgegangenen, Unperfekten, Fehlerhaften und dem Ungeschminkten eine neue Serie zusammengeschnitten, in der jetzt alle mitspielen dürfen, die sonst hinter den Kulissen schuften. Das brachte ihr zwei Golden Globes und eine erneute Huldigung des Time Magazine ein: Im vergangenen Jahr wurde sie darin unter die hundert einflussreichsten Menschen der Welt gewählt. Kim Jong Un steht auch auf der Liste.

Wer so erfolgreich ist, der will auch ein Buch schreiben, um darin zu sagen, warum er so erfolgreich ist. Oder um selbst endlich einmal dahinterzukommen, wie und warum alles diesen Weg nahm. Höchste Zeit also, den Ariadnefaden in die Hand zu nehmen, um im biografischen Labyrinth herumzuspazieren. Auch das hat Lena Dunham getan, und spätestens jetzt könnte man sich fragen, ob es etwas gibt, was diese Frau nicht beherrscht.   

Unmöglich angezogen

Nun, es gibt vieles, was diese Frau nicht beherrscht. Dass sie es öffentlich macht und fast exhibitionistisch ihre seelischen und vor allem sexuellen Karambolagen, ihre Panikattacken, ihre Essstörungen und ihre wilden Ängste ausbreitet wie eine Picknickdecke im Grünen, darin liegt ihr Erfolg begründet.

Ihr Buch Not That Kind of Girl ist eine Mischung aus Autobiografie und Ratgeber und es trägt den laxen Untertitel Was ich im Leben so gelernt habe. Alle jungen Frauen, für die Lena Dunham zum Vorbild avanciert ist und die endlich wissen wollen, was da so gelernt wurde, werden aber vermutlich nur enttäuscht. Der Spiegel bezeichnete dieses Debüt jüngst als "Nabelschau mit Nutzwert". Die Nabelschau überwiegt bei Weitem. 

Man kann sich Dunham, die als Hannah Horvath ziemlich oft nackt zu sehen ist, auch beim Lesen des Buches unmöglich angezogen vorstellen. Wie in der Serie geht es auch in ihrem Buch vorwiegend um Sex. Der Sex ist nie schön; er ist traurig, anstrengend, ungelenk und manchmal ekelig und einmal ungewollt, weil vorher viel Alkohol im Spiel war. Alkohol ist ziemlich oft im Spiel. Um nur noch einmal auf die reichhaltig geschilderten sexuellen Erfahrungen zu kommen: Dunham nimmt sich, was sie will.

Ihr Drang, sich auszuprobieren, ist riesengroß. Man wünscht ihr, ihre Aufzeichnungen in zwanzig Jahren nicht mehr lesen zu müssen. Sehr salopp ausgedrückt, könnte man auf den Gedanken verfallen, hier glaubt eine junge Frau, wer viel vögelt, lernt fliegen. Das ist alles andere als emanzipiert und modern. Jede Mätresse in Balzacs Romanen hat mehr Stolz und Selbstachtung. Jede Tochter der Ingalls-Familie aus Unsere kleine Farm ist reifer, klüger und stilsicherer.

An Dunhams Erzählstil wird ihre rohe Direktheit, an ihrer Serie der rohe Realismus gelobt. Schon der erste Satz des Buches liefert den Beweis: "Ich bin zwanzig Jahre alt, und ich hasse mich." Man könnte das als schonungslos offene Selbstbespiegelung, als ungemein ehrliche Selbstsicht einer pummeligen jungen Frau auffassen, die mit überhöhter Geschwindigkeit auf regennassen Serpentinen unterwegs ist, um hoffentlich schnell bei sich anzukommen, um im stillen Tal der Erkenntnis Rast zu machen, und die unterwegs alle Frauen mitnimmt, die sich auch so schrecklich unattraktiv, panisch und ungeschickt finden wie sie.

Man könnte aber auch schlau genug sein, um zu wissen, dass derlei deprimierende Selbstzeugnisse nur ein gut ausgelegter Köder sind, um all diese reichlich vorhandenen Schwestern im Geiste zu einem verlässlichen klatschenden Publikum zu machen. Wenn dieses Buch, wie propagiert wird, jungen Frauen zu mehr Selbstbestimmung verhelfen soll, dann genügt es nicht, zu sagen: Hey, ihr seid nicht allein; ich finde mich auch hässlich, dick, peinlich und zu unvollkommen für diese Welt. Welchen Nutzwert also sollte man daraus ziehen? Und sind Direktheit und Realismus nicht immer auch roh? Und dass Menschen, wie Dunham in einem Interview sagte, beim Sex nicht gut aussähen, ist keine neue Erkenntnis. Tiere übrigens auch nicht. Und das muss auch nicht sein, weil vieles, was wirklich zutiefst anrührt, auch immer den Glanz einer Unbeholfenheit ausstrahlt.