Kaum jemand, der Patrick Modiano zu lesen beginnt, kann sich dem Sog seiner Prosa entziehen. Mit kreisenden Bewegungen versucht der französische, 1945 geborene Autor, dem Geheimnis vergangenen Lebens auf die Spur zu kommen. Seiner Prosa genügen einfache Sätze, manchmal sogar die bloße Aufzählung von Fakten. Eine Schreibweise, die trotzdem zu einem eleganten Stil führt und eine eigentümlich melancholische Atmosphäre erzeugt. Eine Melancholie, die Ausdruck des Aufbäumens gegen den Tod, gegen das Verschwinden ist. 

Modianos Bücher sind dabei niemals nostalgisch. In Dora Bruder, seinem wohl bekanntesten Roman, findet er in einer alten Zeitung eine Suchanzeige, in der "Monsieur und Madame Bruder, 41, Boulevard Ornano, Paris" ihre verloren gegangene Tochter Dora suchen. Die Zeitung ist vom 31. Dezember 1941 und die Bruders sind Juden. Wenn Modiano versucht, Spuren dieses Mädchens und seiner Eltern ausfindig zu machen, rekonstruiert er keine glückliche Vergangenheit, sondern versucht, wenigstens einigen der Millionen Toten des Holocaust ein Gesicht zu geben und sie vor dem Vergessen zu bewahren.  


Es sind immer normale, einfache Menschen, die ihn in seinen Werken interessieren. Menschen, die kein Grab und keinen Grabstein haben, wie die Bruders, die in Auschwitz ermordet wurden. Hier ist die Gefahr des Vergessens am größten. Gleichzeitig beschränken sich seine Bücher nicht nur auf den Versuch, sich dem Tod durch Erinnerung entgegenzustellen. Sie sind auch der Versuch, vergangene Gefühle, vergangene Träume und Utopien durch die Erinnerung zu retten. 

Eine neue Nachkriegswelt

So wie im Café der verlorenen Jugend, das ebenfalls von einem fast vergessenen Menschen handelt. Es geht um eine Frau, die von den Café-Besuchern Condé Louki genannt wird. Auf alten Fotos ist es immer sie, die als erste auffällt. "Sie schien das Licht stärker einzufangen, wie man im Filmgeschäft sagt." Auch hier umkreist die Geschichte die unbekannte, rätselhaft bleibende Louki. Aber gleichzeitig geht es um die 1960er Jahre, es geht um das Lebensgefühl und die Träume derer, die sich im Condé treffen und in ihrer Euphorie, so, als wären sie die Schöpfer einer neuen Welt, jedem einen neuen Namen geben.

Es ist nicht schwer, die Gründe für Modianos Beschäftigung mit der Okkupationszeit und der Erinnerung zu finden. In seinem autobiografischen Buch Ein Stammbaum, in dem er seine unglückliche Kindheit beschreibt, berichtet er von seinem Vater, der ein Lebemann war und als Jude in Frankreich während der Okkupationszeit mit zwielichtigen Geschäften überlebte. Die Ehe mit seiner Mutter, einer erfolglosen Schauspielerin, war ein einziges Desaster und Modiano wuchs erst bei den Großeltern und dann im Internat auf. Später hat er zwar mit seinem Vater gebrochen, ihn aber nie verraten. Immer wieder hat er in seinen Büchern versucht, sich mit der Situation verfolgter Juden während der Okkupationszeit auseinanderzusetzen.

Der Tod des Bruders – ein Schock

Ganz entscheidend jedoch muss für Modiano 1957 der Tod seines zwei Jahre jüngeren Bruders Rudy gewesen sein. In Ein Stammbaum sind über Ruby nur wenige Zeilen zu finden, so, als scheute es Modiano, diesen Verlust in Worte zu fassen. "Abgesehen von meinem Bruder Rudy, seinem Tod, betrifft mich, glaube ich, nichts wirklich von allem, was ich hier erzähle", heißt es dort. Viele seiner Bücher sind dem Bruder gewidmet, sodass es sicherlich auch kein Zufall gewesen ist, dass er lange Jahre der Lebensgeschichte einer jungen Frau mit dem deutschen Familiennamen Bruder nachgegangen ist.

Dass die Schwedische Akademie nun einen Schriftsteller ehrt, in dessen Zentrum die Erinnerung steht, dürfte ebenfalls kein Zufall sein. Patrick Modianos Bücher sind Ausdruck einer Zeit, in der die westlichen Gesellschaften, wie Frank Castorf einmal meinte, "keine Utopie mehr von sich selbst" haben. Der Blick nach vorne, in die Zukunft, ist obsolet geworden. Patrick Modiano versucht mit seinen Büchern auf beeindruckende Weise, an den Utopien von damals festzuhalten und gegen den Tod und gegen das Vergessen anzuschreiben.