Siegfried Lenz’ Buch Die Maske enthält eine Erzählung, die viel über die Kunst dieses Schriftstellers verrät: Ein junger Mann liegt nach einem Autounfall im Krankenhaus. Sein Zimmergenosse ist ein älterer Schriftsteller, der seiner Frau, die ihn besuchen kommt, kleine Geschichten über den gemeinsamen Sohn Sven vorliest.

Aus diesen in ein Schreibheft notierten Skizzen ersteht ein ganzes Leben, das mit einem Bootsunfall und dem Tod des Sohnes endet. Nach der Schilderung des Unglücks geht die Frau weinend und wortlos aus dem Zimmer. "Lange sah ich zu ihm hinüber, er wirkte verzweifelt", heißt es am Ende der Geschichte. "Obwohl es für ihn nichts mehr zu sagen gab, fragte ich: 'Und? War es so? Ist Sven ertrunken?' 'Unser Sven ist bei der Geburt gestorben', sagte er."

Es ist diese Lakonie, der nüchterne Stil, die Melancholie und Menschlichkeit in seinen Geschichten, die Siegfried Lenz zu einem der meistgelesenen Autoren der Nachkriegszeit gemacht haben. Im Jahr 1951 ist sein erster Roman Es waren Habichte in der Luft erschienen. Seither haben seine Bücher weltweit eine Auflage von knapp 25 Millionen Exemplaren erreicht. Eine ungeheure Zahl, die ihn bei der Kritik auch immer wieder einem gewissen Verdacht der Leichtbekömmlichkeit ausgesetzt hat.

Tatsächlich wurde er, der in fast allen Genres zu Hause war, als Kurzgeschichtenerzähler gerühmt. Populär sind seine Erzählbände So zärtlich war Suleyken oder Das Feuerschiff. Letzterer erinnert stark an amerikanische Vorbilder. Seine Romane hingegen, darunter solch auflagenstarke Erfolge wie Heimatmuseum oder Exerzierplatz, wurden von der Kritik oftmals als zu konventionell und schematisch empfunden.

Fischen und Lesen

Siegfried Lenz kam 1926 im ostpreußischen Lyck auf die Welt. Das heute polnische Elk hat ihn 2011 mit der Ehrenbürgerwürde geehrt. "Das kleine arme Haus, in dem ich bei meiner Großmutter lebte, lag nahe am Lyck-See", sagte er damals in seiner Dankrede, "und diese Nähe war eine Herausforderung, eine Verheißung. Gleichzeitig lernte ich fischen und lesen."    

Beide Tätigkeiten, das Fischen und das Lesen, haben mit Kontemplation zu tun. Mit einer Hingabe an die Stille. Darin eine Grundlage für sein Schreiben zu finden, fällt nicht schwer. Die Nähe zum Wasser hat zudem seine Bücher geprägt. Lenz lebte abwechselnd in Hamburg und Dänemark. Das Meer und die Küste sind in vielen seiner Romane und Erzählungen die seelenerschließenden Szenerien für Figuren, die er mit großem Ernst und Verständnis zeichnete.

Von Marcel Proust habe er gelernt, sagte Lenz einmal, dass die Erinnerung eine Art Gegenwehr darstellt gegen den Gleichmut der Vergänglichkeit. Vergänglich ist nicht nur der einzelne Mensch. Auch die Natur ist durch menschengemachte Zerstörung vom Vergehen bedroht; darauf wies Lenz früh schon in literarischen und essayistischen Texten hin.