Nichts legt die Seele eines Landes souveräner bloß als die Berichte aus den psychischen Krisenregionen seiner Bewohner. Das dachte sich wohl auch Ted Thompson, ein hoch gehandelter Jungautor aus den USA, dessen Debütroman Land der Gewohnheit nur eine Saison nach seiner Erstveröffentlichung soeben auch auf Deutsch erschienen ist.

Das Wichtigste gleich mal vorweg: Der Roman ist mehr als lesbar, er ist von außerordentlicher literarischer Güte, woran auch die vorzügliche Übersetzung von Susanne Höbel ihren Anteil hat. Neben der präzisen Beobachtungsgabe, der Verwendung origineller, nicht allzu überdrehter Sprache, dem Fernbleiben trivialer erzählerischer Elemente und dergleichen mehr wäre vor allem eine Leistung zu loben, die der Autor erbringt: Sein Roman konfrontiert den Leser – höchst unpopulär – mit unharmonischen, wenn nicht deprimierenden Außen- und Innenwelten.

Das tut er allerdings in ausgewogener Weise: Zwar bezieht der Roman seine Komik insbesondere daraus, dass er das Leben der aktuellen US-Mittelschicht aus der Perspektive einer jüngeren Generation in den Blick nimmt, aus der des 1980 geborenen Autors nämlich, der den Vätern offenbar die endlosen Job-Möglichkeiten und den phänomenalen Konsumstandard neidet. Die Wahl einer neutralen Erzählinstanz allerdings schützt den Roman davor, sich einer einseitigen Berichterstattung schuldig zu machen. Denn selbstverständlich kriegen auch die Mitglieder der jüngeren Generation gewaltig ihr Fett weg.

Schwer neurotisch

Repräsentant der Väter-Generation ist Anders. Anders hat sein altes, mehr als gewöhnliches Leben gegen ein Frührentner-Single-Dasein ausgetauscht. Das ist die ziemlich krasse Voraussetzung für die absurden Blüten, die die Handlung des Romans treibt. Kaum der alten Existenzweise entschlüpft, drängt es diesen alternden "Rebel without a cause" in schwer neurotischer Weise danach, die Lebensform sehr viel früherer Zeiten zurückzugewinnen. Was den Leser überrascht, bestätigen die Figuren des Romans allenthalben: Anders‘ Verhalten stößt auf Unverständnis.

Dieser Abweichler ohne Motivation, wie man dieses Midlife-Crisis-Opfer vielleicht bezeichnen könnte, besucht zur Verblüffung aller (ihn selbst nicht ausgenommen) eine Weihnachtsparty bei guten Freunden. Dort begegnet der frisch Geschiedene seiner Ex-Frau samt neuem Lebensgefährten, der sich zu allem Überfluss auch noch als alter Studienkollege herausstellt. Ein unerwartetes Treffen jedenfalls, dessen Schockwirkung bei Anders allerhand asoziale Eskapaden hervorruft. Als wäre das noch nicht genug, konsumiert er unter der Veranda diverse Drogen mit dem Sohn des Gastgebers und befördert so den eigentlichen Skandal des Abends. Der junge Mann muss unter großem Trara notärztlich abtransportiert werden.

Einsiedlerische Frühvergreisung

In weitschweifigen Rückblicken rekapituliert der Roman Anders‘ Leben: den Widerstand gegen die Erwartungen der Vätergeneration, die sanfte Renitenz beim Ergreifen eines Studiums, das ungeschickte Freien um die "sirenenhafte" Helene, die er damals aus den schmierigen Klauen eben jenes Mannes entwenden musste, der neuerdings wieder seine Finger im amourösen Spiel hat. Es folgen Familiengründung und Geburt zweier mehr oder weniger missratener Söhne, das Fremdeln im gewöhnlichen Dasein und der unvermittelte Ausstieg aus allen gesellschaftlichen Zwängen, sowohl beruflichen Verpflichtungen als auch familiären Verantwortlichkeiten – woraufhin besagte trübsinnige Existenz einsiedlerischer Frühvergreisung beginnt.