Betongötter –  das ist ein bildstarker Titel, der zudem durch den Gegensatz seiner zwei Wortteile besticht. Der finnische Autor Markku Kivinen, geboren 1951, hat ihn mit Bedacht gewählt, denn Gegensätze zeichnen sein Buch sowohl in inhaltlicher wie auch in stilistischer Hinsicht aus. Einen Namen hat sich Kivinen zunächst als Soziologe gemacht, nach einer Fülle von wissenschaftlichen Publikationen wurde sein erster und bisher einziger Roman 2009 in Finnland auf Anhieb zu einem Bestseller.

Tapiola ist der Ort des Geschehens, eine tatsächlich existierende finnischen Mustersiedlung, errichtet in den 1960er-Jahren. Nahe Espoo, der Zwillingsstadt von Helsinki, wurden moderne Hochhäuser inmitten eines Waldgebiets hochgezogen. Die Anlage war als Gartenstadt angelegt und verkörperte eine gesellschaftspolitische Utopie – Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten sollten hier harmonisch zusammenleben.

Kivinen wählt diesen Ort, um von der Atmosphäre im Finnland der späten Nachkriegszeit zu erzählen. Hier wohnen seine Protagonisten, fünf männliche Jugendliche und die Lehrerin Marja-Liisa. In aufeinanderfolgenden Tagebucheintragungen, in denen die Figuren abwechselnd zu Wort kommen, erfährt der Leser von den Empfindungen, Ängsten, den Wünschen und Gedanken der verschiedenen Charaktere. Aber auch einzelne Ereignisse werden auf diese Weise durch die Blicke der unterschiedlichen Figuren erzählt, ergänzt und gespiegelt.   

Unterschwellige Aggression

Fast prototypisch versammelt Kivinen verschiedene soziale Herkünfte und Lebensentwürfe und so verdichten sich sowohl die Konflikte der finnischen Nachkriegsgeschichte wie auch die politischen Auseinandersetzungen der 1960er- und 1970er-Jahre. Über diesen Zeitraum hinweg begleitet Kivinen seine Figuren.

"Ich steige die Feuerleiter hinauf bis zum Rand des Daches. (...) Ganz breit und flach liegt dort unten der Supermarkt Elanto. Das Verbindungsdach zum Flachbau scheint fast den Boden zu berühren. Nissi behauptet, neulich sei jemand vom Zentralturm gesprungen. Hat einfach losgelassen und ist runtergeknallt in den Tod. Daran darf man hier nicht denken. Das drückt einem die Luft ab." Hier spricht "Ich", ein Junge, dessen Stimme am kontinuierlichsten auftaucht und ein wenig durch den Text leitet. In seinen Worten kommt die Grundstimmung des Romans gut zum Ausdruck, sie ist düster, melancholisch, traurig. Oft liegt eine unterschwellige Aggression in der Luft, mehrfach bricht sie sich Bahn. Die Utopie von Tapiola, daran lässt Kivinen keinen Zweifel, ist nicht aufgegangen.

Kojote ist der Spitzname eines Jungen aus sehr armen und brutalen Verhältnissen, der die Gewalt, die er erlebt hat, auch in seinem späteren Dasein nicht loswerden kann. Stockfisch wird der Sohn eines Unternehmers, eines "Bonzen", genannt, der mit Drogen dealt; Pena ist der gehänselte Dicke, der später Sinn und Halt bei der in Finnland seinerzeit starken Kommunistischen Partei suchen und sich einreihen wird in den weltweiten antiimperialistischen Kampf – Desillusionierung und privates Unglück heben diesen Sinn auf. Timo, Kind von Bauern, schafft den sozialen Aufstieg durch Bildung zwar, fühlt sich aber fremd, einsam und trinkt dagegen an. Die Lehrerin Marja-Liisa kämpft mit der damals in Finnland noch sehr wirkmächtigen Tradition des Pietismus  – sie ist gläubig, will sich aber der menschenfeindlichen Strenge dieser Glaubensbewegung entziehen. Dieser innere Konflikt spitzt sich in der Liebe zu einem Schüler zu, von dem sie schwanger wird.

Kivinen gelingt es einerseits, die bestimmenden Themen der Zeit, ihre gesellschaftlichen Tabus, ihre Versprechungen und Strömungen zu fassen; gleichzeitig lässt er individuelle Menschen sprechen, die in ihren Sehnsüchten und Lebensvorstellungen, ihren Versuchen, sich dem Leben zu stellen, ganz gegensätzlich erscheinen. So suchen beispielsweise Marja-Liisa und "Ich" in der Schönheit des Moments, der Literatur und Fantasie, im intellektuellen Gedanken, in der persönlichen Erfüllung nach Möglichkeiten; Pena hingegen will die Gesellschaft verändern und dies mit Hilfe einer eindeutigen, allgemein gültigen Ideologie erreichen.  

Makaber und unbegreiflich

Schön und eigentümlich ist der Kontrast, der sich in Kivinens Erzählweise auftut. Die Tagebucheintragungen haben oft einen fast protokollarischen, nüchternen Charakter, der unvermittelt durch eine manchmal spröde, manchmal schwärmerische Poesie gebrochen wird, je nachdem, wer gerade spricht. Das können einzelne Sätze sein. Oder bizarr-schöne, verstörende Bilder, die plötzlich aufscheinen, etwa wenn Timo wahnhaft glaubt, sich zu verwandeln: "Auf einmal tragen mich Flügel. Ich bin eine Libelle und schwirre mit lautem Getöse davon. Ich habe den Körper einer Libelle, makaber und unbegreiflich. Dicke schwere Regentropfen treffen mich wie Liebkosungen, wie Barmherzigkeit und überraschende Stille. (...) Eine große Dunkelheit wischt über die Landschaft wie der Schatten einer Wolke. Ich stehe auf dem Dach des Stalls und schreie. Aber es kommt keine Stimme heraus. Nur das Schwirren einer Libelle."

Eine Ahnung von Zuversicht

Eine Geschichte im eigentlichen Sinne erzählt Markku Kivinen nicht. Man sieht die Jungen erwachsen werden, man beobachtet sie beim Erproben von Lebensentwürfen. Viel Anlass für Zuversicht gibt es nicht, und doch entlässt Kivinen den Leser am Ende immerhin mit der Ahnung einer solchen.

Kivinen versteht es, den Soziologen mit dem Literaten zu verbinden – in seinem Roman sind beide Momente klar zu erkennen, doch fügen sie sich zusammen und lassen Betongötter zu einem sehr besonderen, kleinen Buch über ein Finnland werden, das den Wenigsten bekannt sein dürfte. Wer sich nicht ganz unbedarft auf das Unbekannte einlassen möchte, dem sei das kenntnisreiche Nachwort der Übersetzerin Rosalinde Sartori zur Vorablektüre empfohlen.