"Das Leben", so schreibt der Mann auf, "geht seltsame Wege, und kein Mensch kann diesen Wegen folgen." Das klingt zunächst einmal nach Poesiealbum, zumindest, was die erste Hälfte des Satzes betrifft. Doch schon der zweite Teil ist bemerkenswert, meint er doch im Grunde, dass wir alle uns ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht nur von unserer Umwelt, sondern von uns selbst entfremdet haben.

Wenn man weiß, dass es ein alter, ein sehr alter Mensch ist, der diesen Satz schreibt, auf einen Block, den er sich von seiner Krankenschwester an sein Bett hat bringen lassen, dann steht zu vermuten: Da zieht gerade einer Bilanz und schließt ab. Und genau darum geht es. Nicht nur bei dem alten Mann, sondern in diesem Roman insgesamt.

Saskia Hennig von Lange, geboren 1976, ist eine ungewöhnliche Erscheinung in der deutschsprachigen Literaturlandschaft: Sie hat Theaterwissenschaften und Kunstgeschichte studiert, lebt in Frankfurt am Main, arbeitet an der Universität in Gießen und hat nun binnen zweier Jahre zwei im besten Sinne randständige kleine Bücher veröffentlicht, die fern aller Moden versuchen, sich den existentiellen Problemen sprachlich anzunähern. Das erste, Alles, was draußen ist, trug die Gattungsbezeichnung Novelle, weswegen das zweite, Zurück zum Feuer, nun streng genommen ein Debütroman ist. Wichtig ist das nicht. Was die beiden Werke verbindet, ist die Tatsache, dass sie in hoch konzentrierter und verdichteter Form von Innen- und Außenwelten erzählen, dass sie in die Köpfe und in die Körper ihrer Figuren hineinfahren und von dort aus die Welt sozusagen mit der Lupe betrachten, sehr präzise, sehr scharf und auf eine literarisch insistierende Weise, die Beklemmung hervorzurufen vermag.

Die Existenz entrümpeln

Zurück zum Feuer ist ein Dreipersonenstück mit wenigen Nebenfiguren. Der alte Mann, der in seinem Bett liegt und auf den Tod wartet, heißt Max. Sein Nachname ist Schmeling, und er war einst ein berühmter Boxer. Nach seinem Tod im Jahr 2005 stand das Haus in Hollenstedt in der Nordheide für Jahre leer. Ein Foto dieses kleinen Hauses am Waldrand war, so hat die Autorin es einmal erzählt, auch der Ausgangspunkt für den Roman. Von nun an übernimmt die Fiktion. Es tritt auf der zweite Max, Gutachter in Diensten einer nicht näher bestimmten Behörde. Er soll den Wert des leerstehenden Gebäudes taxieren und verliert zunächst sein Mobiltelefon und schließlich auch sich selbst darin.

Verloren hat Max, der Gutachter, vor einiger Zeit bei einem Unfall auch seinen Sohn Raphael. Seitdem geht bei ihm alles den Bach herunter, den Job lässt er schleifen, seine Ehe vernachlässigt er ebenfalls. Da kommt die dritte Figur ins Spiel, Inge, die Ehefrau des Gutachters Max. Die sitzt zu Hause und wartet auf den Mann, der nicht zurückkommt, weil er ja durch Max Schmelings Haus irrt. Und während Max sich in Hollenstedt ein fremdes Leben anverwandelt, entrümpelt Inge die gemeinsame Existenz derart gründlich, dass am Ende nichts mehr davon übrigbleiben kann.

Kreisende und bohrende Sprache

Die drei Erzählstränge hat Saskia Hennig von Lange kunstvoll überlagert; sie lösen einander bruchlos und absatzlos ab; sie ergänzen sich auf ihren Reflexionsebenen und sind oft nur dadurch zu unterscheiden, dass der Gutachter-Max aus der Ich-Perspektive, Inge und Schmeling aber in der dritten Person geschildert werden. Der Tonfall bleibt ganz bewusst der gleiche; es ist die kreisende und bohrende Sprache dreier Verzweifelter. Sie alle trauern: Inge und Max jeder für sich um den toten Sohn; Schmeling noch immer um seine 1987 verstorbene Ehefrau Anny Ondra und um seinen Körper, der ihn berühmt gemacht hat und der ihm nun nicht mehr gehorchen will. Unablässig kreisen die Gedanken dieser drei Menschen, und dass daraus ein Roman ohne Floskeln und Bedeutungshuberei geworden ist, ist bereits sehr viel.