Es gibt die seltenen Momente, in denen man von seinen geheimen Sehnsüchten überrascht wird. Einen davon konnte man in diesem Jahr erleben, und zwar, als der Nobelpreis für Patrick Modiano bekannt gegeben wurde. Meistens geht es in Stockholm ja um eher eindeutige Botschaften, um soziale Themen und moralische Größe. Modiano schien sich immer jenseits dieser Wahrnehmungsschwelle zu bewegen. Seine Romane handeln von etwas schwer Greifbarem, etwas Vagem und Unbestimmtem. In ihnen ist eine ungewisse Sehnsucht zu spüren, die weiß, dass das, woran sie sich heftet, nicht existiert: eine schönere Vergangenheit zum Beispiel, als sie wirklich war.

Modiano ist ein Meister dieses Wissens. Seine Bücher beschreiben eine Leerstelle, die durch sie erst richtig bewusst wird – ein Defizit, das nur durch die Literatur selbst einigermaßen ausgeglichen werden kann. Es bleibt zwar immer ein Verlustgeschäft – und das steht auch groß, in verblichenen, abblätternden Buchstaben unter fahler Neonbeleuchtung über dem Ladeneingang: "Verlustgeschäft Patrick Modiano" – aber man geht gern hinein und kommt mit einem nicht für möglich gehaltenen Gewinn wieder heraus.

Den Hintergrund dieser Romane bildet eine spezifische Erfahrung aus der französischen Geschichte: die Zeit der Kollaboration während der deutschen Besatzung und die dubiose Rolle des jüdischen Vaters. In seinem Debüt, Place de l’Étoile von 1968, befreit sich Modiano davon mit einer großen Geste – er verwandelt sich die literarischen Sprachen der Vergangenheit an, schreibt sich durch sie hindurch und dringt schließlich zu seiner eigenen, unverwechselbaren Sprache vor. Diese wird immer leichter und schwebender. Ihre Schauplätze verlagern sich hinüber in die Zeit, als Patrick Modiano im selben Alter wie sein Vater Mitte der vierziger Jahre war: das Paris am Anfang der sechziger Jahre wird für diesen Autor zu einem mythischen Ort.  

Zwischen Melancholie und Sehnsucht

Bohèmehafte Existenzen finden sich zu losen Gruppen zusammen, haben zum Teil künstlerische Neigungen und gehen halb legalen und halb kriminellen Tätigkeiten nach. Sie sind Traumwandler, die insgeheim darum wissen, dass sie irgendwann gestellt werden. Diesem Milieu und dieser Zeit gewinnt Modiano immer wieder neue Bilder ab. Und im Kern seiner Ästhetik steht die Doppelbedeutung vom "Café der verlorenen Jugend", die einem seiner schönsten Bücher den Titel gegeben hat: die "verlorene Jugend", das sind jene konkreten Existenzen zu Beginn der sechziger Jahre, die es zu nichts bringen werden – aber die "verlorene Jugend" ist vor allem auch die des zurückblickenden Autors Modiano. 

Diese Bücher stehen in einem äußerst suggestiven Zwielicht. Sie sind dabei keineswegs "raunend" oder gar "larmoyant", wie derzeit beliebte Modeverdikte lauten. Aber sie verstoßen gegen Forderungen, die man gemeinhin an den Journalismus stellt und die häufig auch auf die Literatur angewendet werden: "auf den Punkt kommen", "genau sein". Modianos Romane gehören zweifellos zum Besten, was gegenwärtig geschrieben wird.

Und es gibt auch eine deutsche Entsprechung zu Modiano: Wilhelm Genazino bewegt sich im selben Spannungsfeld zwischen Melancholie und Sehnsucht, auch er hat etwas Leichtes und Schwebendes, das den Alltag umfängt und ihn unmerklich in etwas anderes hinüberträgt. Genazinos Figur "Linda" aus dem Journalistenmilieu um 1960 in Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman wirkt wie ein Pendant zu den Frauenfiguren Modianos. Und wie dieser schreibt Genazino Romane, die schmal sind, meist ziemlich genau 150 Seiten haben, zuverlässig alle zwei, drei Jahre erscheinen und sich insgesamt zu einem großen, einzigen Hauptwerk fügen. 2014 ist Bei Regen im Saal erschienen, auf jeden Fall eines der lesenswertesten deutschen Bücher in diesem Jahr.  

Seismograf deutscher Zustände

Es gibt allerdings einen großen Unterschied: bei Genazino geht es um Mannheim und Frankfurt, bei Modiano um Paris. Und damit sind wir mitten in der deutschen Misere. Das spezifische provinziell-städtische Kleinbürgertum, das Genazino minuziös darstellt und in allen psychischen Details ausleuchtet, gibt es in Frankreich so nicht, dort nimmt es ganz andere Formen an. Und während in Frankreich zur Zeit viele latente Konflikte aufbrechen, die koloniale Vergangenheit rumort und die allgemeine Krise offenkundig ist, scheinen die deutschen Verhältnisse noch einigermaßen beruhigt zu sein. 

Genau das thematisiert Marcel Beyer, der kurz nacheinander jetzt den Pastior-, den Kleist- und den Bremer Literaturpreis bekommen hat: ein Seismograf der deutschen Zustände, der die Gegenwart und verschiedenste Schichten der Vergangenheit zueinander in Bezug setzt. Graphit ist der herausragende Gedichtband dieses Jahres. Und das Bemerkenswerte dabei ist, wie Beyer seinen eigenen Weg nach Thomas Kling findet, dem großen Guru der neueren deutschen Lyrik. Kling stand noch im Ratinger Hof an der Originaltheke des Punk, Beyer ist zehn Jahre jünger. Bei Kling gab es tatsächlich die Kraft einer als solchen empfundenen neuen Avantgarde, Beyer hingegen thematisiert vor allem die behütete Kindheit im windgeschützten Westdeutschland und die Hochkultur des Pop. Den großen Bildern, den historischen Mänteln und Strickjacken sieht er sich "im Nicki der Geschichte" gegenüber. Der eigene Ort ist ein getarnter, verschwiegener und vermeintlich unscheinbarer. Umso feiner und raffinierter sind die Linien, die von ihm aus gezogen werden.