Er war ein energischer Mahner gegen rechts und seine Worte hatten Gewicht: Der Schriftsteller und Journalist Ralph Giordano war jahrzehntelang ein prägender Intellektueller Deutschlands. Nun ist er im Alter von 91 Jahren in Köln an den Folgen eines Oberschenkelhalsbruchs gestorben, den er sich vor einigen Wochen bei einem Sturz in seiner Wohnung zugezogen hatte. Ein Familienmitglied bestätigte einen Bericht der Kölner Zeitung Express.

Zu seinem 90. Geburtstag – am 20. März vergangenen Jahres – war er in seiner Geburtsstadt Hamburg geehrt worden. Es war einer der wenigen öffentlichen Termine, die er damals noch wahrnehmen konnte. "Mein Energiehaushalt, mein Kräftepotenzial ist reduziert, das spüre ich deutlich", sagte er damals. Hinter ihm liege eine "ungeheure Strecke" und ein "mörderisches Jahrhundert".

Giordano wurde am 20. März 1923 in Hamburg geboren, 1972 zog er nach Köln. Als Sohn einer Jüdin entging er in jungen Jahren nur knapp dem Holocaust. "Es ist eine Lebensphase, die alles geprägt hat, was ich danach getan habe", sagte er. Als seine Mutter im Februar 1945 deportiert werden sollte, versteckten sich die Giordanos in einem Kellerloch. Am 4. Mai 1945 wurden sie von der britischen Armee befreit – fast verhungert und total entkräftet.

Dennoch entschied sich Giordano, nach Kriegsende in Deutschland zu bleiben und sich um die Aufarbeitung und Erklärung der Enthumanisierung während der nationalsozialistischen Herrschaft zu bemühen. "Ich liebe dieses Land, so wie es jetzt ist. Ein Leben ohne Deutschland ist für mich unvorstellbar", sagte er einmal.

Gedemütigt und misshandelt in jungen Jahren

Geprägt hat den Autor seine Demütigung, Verfolgung und Misshandlung durch die Nationalsozialisten. Der Kampf gegen Rechtsextremismus wurde für Giordano zum Lebensthema. Jahrzehntelang warnte er in Büchern, Aufsätzen und Vorträgen vor Rechtsradikalismus und Antisemitismus.

Er schrieb 23 Bücher, von denen viele Bestseller wurden, auch im Ausland. Zu seinen Hauptwerken gehören die autobiografische Familiensaga Die Bertinis, Die zweite Schuld oder von der Last ein Deutscher zu sein und Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte.

Viel beachtet wurde auch seine Autobiografie Erinnerungen eines Davongekommenen. Als TV-Journalist arbeitete er ab 1961 zunächst beim Norddeutschen Rundfunk, drehte dann von 1964 bis 1988 für den WDR rund 100 Filme aus aller Welt, darunter zahlreiche Dokumentationen. Für seine Fernsehbeiträge erhielt er mehrfach den Grimme-Preis.

Sein Werk überlässt er dem Deutschen Literaturarchiv Marbach. Da werde wohl zum Abtransport kein VW-Bus ausreichen, hatte Giordano zu seinem 90. angemerkt. 

Giordano war ein streitbarer und auch ein umstrittener Mann. Viel Kritik löste er aus mit seinen Äußerungen zum Islam, zu einer aus seiner Sicht gescheiterten Integration von Muslimen und zum Bau der Kölner Zentralmoschee. Zugespitzte Äußerungen in Talkshows und die Bezeichnung "menschliche Pinguine" für verschleierte muslimische Frauen lösten Empörung aus. Dass man ihm gemeinsame Sache mit Rechtsradikalen vorwarf, verletzte ihn. Es gehe ihm nur darum, solche Erscheinungen des Islam anzuprangern, die mit dem Grundgesetz nicht vereinbar seien, rechtfertigte sich Giordano.

Wenig bekannt war der Privatmann Giordano. Dreimal hatte er geheiratet. In seinen letzten Lebensjahren lebte der schmächtige Herr mit dem imposanten weißen Haar recht zurückgezogen in seiner Kölner Wohnung.