Ein Sonett ist so etwas wie die Königsdiszipin der Dichtung. An der alten Gedichtform, erfunden im Italien des frühen 13. Jahrhunderts, haben viele Dichtergenerationen ihr Formbewusstsein erprobt. A-B-B-A und A-B-B-A: Mit diesem Reimschema gehen wir in ein Sonett hinein; zwei Quartette und danach zwei Terzette – so lenkt uns die Dichtungsgeschichte auf ein überschaubares Terrain. Das ist beruhigend.

Gedichte wie die von Marcel Beyer schaffen dagegen Unruhe. Eins der neuen Gedichte des 1965 geborenen Autors, der in diesem Jahr gleich mit drei bedeutenden Literaturpreisen ausgezeichnet wurde, beginnt mit einer Verschiebung des Sonett-Schemas in eine abweichende Lautfolge: A-B-B-O  – und danach auch noch B-O-T-T-A: "Botta", italienisch für Prügel, Klaps, Ohrfeige.

Beyers Gedicht An die Vermummten beginnt mit der Anrufung einer pakistanischen Stadt: "So der Wahnsinn Abbottabad". Da wird's gefährlich, ein bedrohlicher Klangraum entsteht, aus alternierenden A- und O-Vokalen: Abbottabad, die pakistanische Stadt, wird assoziativ verbunden mit einer Kommandoaktion gegen die Zentralgestalt des Terrors. Marcel Beyer geht mitten hinein in dieses Geschichtsgelände: "So der Wahnsinn ABBOTTABAD, da sich alles / an schwarzem Material überlagert: Asche / von Türmen, nordpakistanische Nacht und auch / dieser alte, auf hoher See bestattete Zottelbart."    

Misstrauisches Zerlegen

Wo sind wir hier? Es ist fast immer "schwarzes Material", das Marcel Beyer in seinen Gedichten erkundet und auf seine historische Stofflichkeit und Zeugenschaft untersucht, es ist zeithistorisches Territorium, auf dem sich vieles kreuzt und "überlagert". Im Fall dieses Gedichts überlagert sich die Tötung des Terroristen Osama bin Laden, des gefürchteten Staatsfeindes, der noch am Tag seiner Erschießung von Bord eines Flugzeugträgers aus im Arabischen Meer bestattet wurde, mit der Erscheinung eines Dichters aus Salzburg. Wie macht Marcel Beyer das, wie tastet er sich vor auf ein sprachliches Gelände, auf dem eigentlich nur konforme, staatstreue, sozialverträgliche Deutungen zirkulieren? 

Verschwörungstheorien sind für einen Dichter keine Option. Ein Dichter nimmt die vorgefundene Sprachmaterie, betrachtet sie misstrauisch, zerlegt sie, fügt sie mit anderen Elementen zu einer neuen aufregenden, meist fragmentarischen Konstellation von Wörtern, Bildern und Sätzen zusammen.

Auch in Graphit, seinem neuen Gedichtbuch, an dem er 13 Jahre lang gearbeitet hat, erkundet Beyer die Materialität von Gegenständen, Stoffen und Substanzen, um die in ihnen abgelagerte Geschichte freizulegen. Dabei gräbt er sich in viele historische Szenarien hinein. "Ich / bin ein Mann, der sich in / alle Zeit verzweigt", heißt es programmatisch in Beyers langem Gedicht über Karl May, "ein Mann / der tief in Schützengräben / blickt und nichts vergessen kann...". Und auch hier, in seiner Übermalung eines Georg Trakl-Gedichts, verzweigt sich der lyrische Protagonist in zwei Orte: Abbottabad und Salzburg.       

Schrille Gegenrede

Vor nunmehr zwanzig Jahren veröffentlichte Marcel Beyer die bislang furioseste poetische Übermalung eines Georg Trakl-Gedichts, das fragmentierte Poem Verklirrter Herbst. Es war eine schrille Gegenrede zu Trakls berühmten Gedicht Verklärter Herbst, das mit harmonischen Reimen eine "goldene" Herbstlandschaft ausmalte.  Auf den dunklen Wohlklang der Traklschen Verse antwortete Beyer mit einer lapidaren Montage bedrohlicher Geräusche und Stimmen, kleine Cut-ups wurden in ein Organigramm rätselhafter Daten, Befehle und Dialoge gefügt.