Wir unterbrechen den Untergang des Feierabendlands für eine dringende Mitteilung: Mark Zuckerberg liest. Weil es Januar ist und, von einigen betrüblichen Ausnahmen mal abgesehen, Menschen Vorsätze formulieren, hat sich der Alleinherrscher von Facebook entschlossen: alle zwei Wochen ein Buch. Er hat nämlich festgestellt, dass Bücher "intellektuell bereichernd" sein können und er seinen Medienkonsum gern "in Richtung Buch" verschieben möchte. Wofür wir ihn nun 1) beglückwünschen und er 2) sogar einen Leseclub gegründet hat, A Year of Books, dem bisher mehr als 150.000 Menschen per Like beigetreten sind.

Nun ist es bekanntlich so, dass Vorsätze in den ersten Tagen euphorischer Selbstbesinnung noch wie stabile Gewissheiten erscheinen, jedoch wenig später zum Geschwätz von gestern zerpulvern. So kann man die ersten Neujahrsvorsatzmenschen sehen, die bereits zum letzten Mal aus dem Fitnessstudio trotteln, und ungeduscht rauchend und döneressend verfluchen sie forthin das Jahr, das besser nicht mehr wird. Und auch über Zuckerbergs Treue zu Vorsätzen gibt es bislang nur neblige Kenntnis: Wie steht's mit seinem Mandarin? Und ist er noch Vegetarier?

Aber freuen wir uns lieber, dass das Silicon Valley den Lesezirkel von seiner Tantigkeit befreien will, von Häppchen und anschließendem Besuch beim Griechen. Man kann das disruptiv nennen, so wie man alles nennt, was sich das Silicon Valley ausdenkt und uns als Revolution andreht, während der Weltgeist mal wieder nicht aufpasst, weil er mit Puppen die Schlacht bei den Thermopylen nachspielt. Bücher schienen ja lange auf der Abschussliste des Fortschritts zu stehen, und dessen Bauchredner wie zum Beispiel der Social-Media-Guru Clay Shirky sagten Sätze wie: "Niemand liest Krieg und Frieden. Es ist zu lang und nicht interessant."

Das ist nun Geschichte. Das Kulturgut Buch ist von höchster Internetstelle geadelt und im Fortschritt reintegriert. Und vielleicht hören endlich die sozialmedialen Nutztiere auf, ihren Freunden und Followern Texte mit dem Warnhinweis #longread zu empfehlen, als seien vier oder mehr Absätze etwas Exotisches. Was ja ohnehin nur Menschen glauben können, die beim Wort Buchclub automatisch an den von Bertelsmann denken, der mit Facebook immerhin gemein hat, dass man sich zur Abnahme des Gesamtpakets inklusive aller Zumutungen verpflichtet.

Im Facebook-Lesezirkel jedenfalls gibt es schon erste Meldungen über ausverkaufte Bücher und über Menschen, die Bibliotheken und Amazon stürmen – nur um ein Exemplar von Moisés Naíms The End of Power zu bekommen, das als Erstes im Forum diskutiert werden soll. Es geht um den Wandel von Macht, die aus den Händen von Institutionen hin zu den Menschen und zu Start-ups geht, also im Grunde um das, was Zuckerberg von sich und seinem Unternehmen glaubt.

Und vielleicht entsteht ja am Ende des Jahres ein ganzer Kanon selbstbezüglicher Zuckerbergliteratur, vor dem Oprah Winfrey, Denis Scheck, Elke Heidenreich und selbstredend auch wir vor Neid wild werden. Wir bitten daher schon mal um sorgfältige Prüfung folgender Titel zur Aufnahme in die Facecook-Anthologie: Loslabern, EGO, Mittelmaß und Wahn, Wer bin ich und wenn ja, wie viele?, Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, Tyrannei der Intimität, Hundert Jahre Einsamkeit, Bonjour Tristesse und Ansichten eines Clowns. Sorry, wie sagte Arno Schmidt? Lesen ist schrecklich.