Schon Tage bevor Michel Houellebecqs neuer Roman Unterwerfung (Soumission) in den französischen Buchhandlungen auslag, war der Skandal perfekt. Der nicht einmal 300 Seiten starke Text, der das Szenario einer islamischen Machtübernahme in Frankreich entwirft, galt als literarischer Brandsatz. Laurent Joffrin, der Chefredakteur der linksliberalen Tageszeitung Libération, konstatierte etwa, das Erscheinen von Unterwerfung sei "nicht nur ein literarisches Ereignis, das nur mit ästhetischen Kriterien bewertet werden kann. Nolens volens hat dieser Roman eindeutig eine politische Resonanz. (…) Er markiert in der Geistesgeschichte das Datum, an dem die Ideen der extremen Rechten – wieder – in die hohe Literatur eingedrungen sind."

Der Journalist Sylvain Bourmeau, der kürzlich ein ausführliches Interview mit Houellebecq für das amerikanische Literaturmagazin Paris Review führte, bescheinigte dem Autor "literarischen Selbstmord". Hierzulande, wo Unterwerfung am kommenden Freitag erscheint, schaffte es das Buch sogar in die Tagesthemen, in denen man dem Roman attestierte, das "Schreckensszenario" einer islamischen Herrschaft auszubuchstabieren. Die taz sekundierte schließlich, dass das Buch "islamophobe Ressentiments" schüre und es Pegida-Demonstranten "als Horrorerlebnis zur Bettlektüre" gereichen würde.

Unter normalen Umständen hätten sich die Wogen nun womöglich relativ schnell wieder geglättet, da jeder, der den Roman gelesen hat, eigentlich zur Einsicht gelangen müsste, dass solch schrille Einschätzungen allzu abenteuerlich sind und Houellebecq mit Sicherheit keine Ideen der extremen Rechten proklamiert.

Momentan herrschen jedoch keine normalen Umstände. Denn am 7. Januar, jenem Tag, als Unterwerfung in Frankreich veröffentlicht wurde, ereignete sich das Attentat auf das Pariser Satiremagazin Charlie Hebdo, welches insgesamt zwölf Menschen das Leben kostete; zwei Tage später die Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt, während der weitere vier Menschen starben.

Von nun an war die Rezeption von Unterwerfung untrennbar an diese islamistisch motivierten Anschläge gekettet. Nicht zuletzt auch deshalb, weil das Satiremagazin in seiner aktuellen Ausgabe eine Houellebecq-Karikatur auf dem Cover hatte. Dementsprechend schrieb etwa die FAZ: "Die Schüsse auf die Redaktion von Charlie Hebdo galten auch Houellebecq." Im Stern verstieg man sich sogar zu dem hanebüchenen Satz: "Für alles, was jetzt noch kommt, trägt auch er seinen Teil Verantwortung."

Hysterische Reaktionen

Houellebecq selbst, der mit dem Wirtschaftsjournalisten Bernard Maris auch einen Freund bei dem Anschlag auf Charlie Hebdo verlor, zeigte sich schockiert, sagte alle weiteren Termine ab und hält sich nun an einem unbekannten Ort auf. Die Debatte um sein Buch läuft weiter. Diskutiert wird dabei nicht zuletzt weiterhin die Frage, wie moralisch oder unmoralisch es nun sei, das literarische Szenario einer europäischen Islamisierung zu entwerfen? Und bisweilen sind es dabei paradoxerweise die gleichen Leute, die sich zwar lautstark mit Charlie Hebdo solidarisieren und die Satirefreiheit verteidigen, über Houellebecq jedoch mindestens die Nase rümpfen.

Angesichts der Pariser Attentate müssen derzeit nun leider nicht wenige Menschen an ein paar Selbstverständlichkeiten erinnert werden. Zuvorderst daran, dass Islam nicht mit Islamismus zu verwechseln ist und Gläubige, gleich welcher Religion, nicht im Kollektivsingular existieren. Ob mancher hysterischer Reaktionen auf Unterwerfung muss man indes ebenso ins Gedächtnis rufen, dass ein Roman nicht wie ein Sachbuch, ein politisches Manifest oder eine Bedienungsanleitung zu lesen ist. Und das bedeutet zunächst vor allem, dass Moral kein primäres Kriterium der Literaturkritik sein kann. Denn wer Romane an moralischen Maßstäben misst, kastriert die Kunst.

Michel Houellebecqs "Unterwerfung" - Eine tragische Satire gegen Europa in seiner jetzigen Verfassung In seinem Zukunftsroman "Unterwerfung" erzählt Michel Houellebecq von einem islamischen Frankreich im Jahr 2022. Ist dieses vieldiskutierte Buch nach den schrecklichen Anschlägen von Paris eine Warnutopie?


Das heißt nun freilich nicht, dass das Label Literatur etwa die Verbreitung von Rassismus und Fremdenhass rechtfertigen könnte. Es heißt aber sehr wohl, dass Kunst radikal amoralisch sein darf. Das zeigt sich beispielhaft an den Büchern des Marquis de Sade. 

Denn das Werk dieses Wüterichs der Weltliteratur, der anlässlich seines 200. Todestags jüngst noch einmal ausgiebig von den Feuilletons gewürdigt wurde, offenbart sich ja gewissermaßen als eine riesige, gleichermaßen monströse wie sexistische Gewaltfantasie. Und zwar derart, dass selbst hartgesottene Horrorfans bei der Lektüre von Die 120 Tage von Sodom oder Justine vermutlich kräftig schlucken müssen. Gleichwohl attestierte beispielsweise Simone de Beauvoir dem Marquis jenen ungeheuren Verdienst, "die Wahrheit des Menschen gegen jeden Abwehrmechanismus der Abstraktion und Entfremdung proklamiert zu haben." Ähnlich urteilte Albert Camus, der in de Sades "enormer Kriegsmaschine" die "Argumente der Freidenker" versammelt sah. Um genau dies zu erkennen – und die Texte de Sades nicht als, sagen wir, Apologie eines pornografischen Proto-Faschismus misszuverstehen –, bedarf es jedoch jenes genauen Umgangs mit Literatur, den man sich auch in der aktuellen Debatte um Unterwerfung vermehrt wünschen würde.

Die Differenzierung ist nicht immer einfach

Nun ist Houellebecq sicherlich kein neuer de Sade, nicht zuletzt weil das Werk des ersteren so unendlich viel harmloser ist. Das Beispiel des Marquis zeigt jedoch einerseits, dass Literatur im Idealfall über ein komplexes System an Sinnebenen verfügt und man Texten interpretatorische Gewalt antut, wenn man sie lediglich auf spezifische Handlungsaspekte reduziert und dabei Sub- und Kontexte vernachlässigt. Andererseits illustriert es zudem auch, dass Political Correctness keine Kategorie der Literatur sein kann. Denn so sehr diese in sozialen und politischen Zusammenhängen wünschenswert ist, weil sie letztlich nur jene Ausweitung der Höflichkeitszone einfordert, die den Alltag etwas erträglicher und egalitärer macht, ist sie im Bereich der Kunst zweifellos fehl am Platz. Ist Literatur nämlich stets ein intellektuelles Laboratorium, vermögen die Monster, die dort geboren werden, uns im Zweifelsfall mehr über uns zu verraten, als jede politische Grundsatzdebatte es je könnte.

Darüber hinaus erfordert das literarische Lesen aber auch die konsequente Unterscheidung zwischen Autor und (Ich-)Erzähler. Eben diese wird im Zusammenhang mit Unterwerfung jedoch bisweilen vernachlässigt. Mitunter wird so getan, als sei die literarische Figurenrede, in der sich tatsächlich manch überzeichnetes Klischee des Islams findet, direkt als politische Rede Houellebecqs zu lesen und nicht als das, was sie ist: Bestandteil eines fiktionalen Experiments.

Ja, die Differenzierung zwischen Autor und Erzähler ist im Fall Houellebecqs, zugegeben, nicht immer ganz einfach. Soweit sich dies beurteilen lässt, kommen dessen Protagonisten, wie auch in Unterwerfung meist mittelalte Männer mit mittelerfolgreichen Karrieren und mittelgroßen Alkoholproblemen, der Seelenlage ihres Schöpfers relativ nahe. Es sind metaphysisch obdachlose Nihilisten, die an nichts mehr glauben. Außer vielleicht an Callgirls und Hochprozentiges.

Ein literarischer Hasardeur

In Bezug auf die Frage "Wer spricht?" treibt Houellebecq mit dem Leser somit ein veritables Katz-und-Maus-Spiel. In der Tat lockt er uns zunächst auf die Fährte, François, den Protagonisten des Romans, als eine Art Alter Ego des Autors zu lesen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil der Text trotz seiner dezidierten Science-Fiction-Komponente streckenweise in einer hyperrealistischen Machart daherkommt. So treten beispielsweise eine ganze Reihe von realen Personen – Politiker wie François Hollande, Marine Le Pen und Manuel Valls oder Intellektuelle wie Bernard-Henri Lévy und Michel Onfray – auf.

Dass man dieser Lesart jedoch nicht umstandslos folgen sollte, macht Houellebecq wiederum schon in der Jobbeschreibung seines Antihelden deutlich. Dieser arbeitet nämlich an der Pariser Sorbonne als Professor für Literaturwissenschaft, der sich zudem noch auf Joris-Karl Huysmans spezialisiert hat. Der 1907 verstorbene Huysmans hatte mit seinem Roman Gegen den Strich eine Art literarische Bibel des Fin de Siècle geschrieben. Ein Meisterwerk des Ästhetizismus, in dem der Aristokrat Jean Des Esseintes sich voller Weltekel von der verhassten Pariser Gesellschaft zurückzieht, um mittels Drogen und Dichtung eine radikale Form der Dekadenz auszuleben.  

Indem Houellebecq den Leser also einerseits auf die Spur schickt, seinen Antihelden als sein Alter Ego zu lesen, diesen andererseits aber wiederum als eine Art runtergerockten Wiedergänger Huysmans' inszeniert, entsteht ein literarisches Vexierspiel, bei dem der Leser zwischen realen Referenzen und ostentativ ausgestellter Literarizität durchaus mal die Übersicht verlieren kann. Houellebecq, der sich seit jeher als Bürgerschreck geriert und dem Unbehagen in der Kultur mit seinem Landstreicher-Look neuerdings auch optisch Ausdruck verleiht, mag ein Provokateur sein. Aber er ist mindestens ebenso ein literarischer Hasardeur, der mit den Erwartungen des Publikums spielt.

Exemplarisch zeigt sich das gleich zu Beginn des Romans. Dort sinniert François etwa: "Wie André Breton richtig festhält, ist Huysmans' Humor einzigartig: Er ist selbstlos, er lässt dem Leser einen Vorsprung, lädt ihn ein, sich schon im Voraus über den Autor zu mokieren, über die Exzesse seiner greinenden, grauenhaften und komischen Beschreibungen." Es ist freilich unschwer zu erkennen, dass Houellebecq hier natürlich nicht nur über Huysmans, sondern en passant auch über sich selbst spricht und dabei die hysterischen Reaktionen auf seinen Roman bereits antizipiert und satirisch kommentiert.

Auf den Straßen wieder Sicherheit

Sieht man an diesen Beispielen also bereits, dass Houellebecq in Unterwerfung zunächst ein großes literarisches Spiel betreibt, erweist sich auch die vermeintlich so provokative Parabel vom aggressiven Islam letztendlich als eine Art narrative Matroschka-Puppe. Kurz gefasst, sieht die politische Rahmenhandlung des Romans zunächst wie folgt aus: Man schreibt das Jahr 2022, in Frankreich herrschen bürgerkriegsähnliche Zustände. In der zweiten Runde der Präsidentschaftswahlen stehen sich Marine Le Pen vom rechtsextremen Front National und der charismatische Mohammed Ben Abbes, Anführer der 2017 gegründeten Partei der "Fraternité musulmane", in einem Kopf-an-Kopf-Rennen gegenüber.

Um Le Pens Wahlerfolg  zu verhindern, schließen sich Sozialdemokraten und Konservative, die mittlerweile beide bis an den Rand der politischen Bedeutungslosigkeit geschrumpft sind, mit der Muslimbruderschaft zur "republikanischen Front" zusammen. Ben Abbes wird daraufhin zum Präsidenten gewählt und setzt die sukzessive Islamisierung Frankreichs in Gang. Im Szenario Houellebecqs ist dies indes gar nicht weiter dramatisch. Frauen müssen sich nun zwar verschleiern und die Universitäten werden zu erweiterten Koranschulen umgebaut, doch so richtig stört dies keinen. Immerhin kehrt in den Straßen dafür auch wieder Sicherheit ein. Und dank saudischer Petrodollars und dem Umstand, dass Frauen nun nicht mehr arbeiten gehen, fällt sogar die Arbeitslosenquote.  

Es geht überhaupt nicht um den Islam

Man kann in Unterwerfung, so wie eigentlich auch bei fast allen anderen Romanen Houellebecqs, eine Reihe von Dingen ärgerlich, platt oder ermüdend finden. Beispielweise den quengeligen Vulgär-Nietzscheanismus oder die immer gleiche, abgegriffene Zivilisationskritik, die erkenntnistheoretisch nicht über das Lamento eines frustrierten Kneipenphilosophen hinauskommt. Ebenso die notorisch ranzigen Sexszenen, die sich stilistisch auf der Höhe der St. Pauli-Nachrichten bewegen. Islamophob ist der Text nun jedoch wahrlich nicht. Mehr noch: Im Kern des Romans geht es eigentlich überhaupt nicht um den Islam. Zumindest nicht in der Art, wie es vorab so oft kolportiert wurde.

Die politische Botschaft von Unterwerfung besteht nämlich vielmehr darin, dass ideologische Großgruppensysteme im Prinzip völlig austauschbar sind. Das zeigt sich beispielsweise an Steve, einem Kollegen von François. Vor der Islamisierung Frankreichs steht dieser der "identitären Bewegung" nahe, also jenem rechtsextremen Milieu, dem der Front National längst zu weichgespült ist. Als dieser nach dem Wahlerfolg der Muslimbruderschaft das Angebot bekommt, bei dreifachem Gehalt weiter an der Sorbonne zu lehren – vorausgesetzt er konvertiert zum Islam – sagt er sofort zu. Und auch Robert Rediger, der neu berufene Direktor der Pariser Universität, der sich schon seit Langem zum Islam bekennt und eine 14-jährige Zweitehefrau hält, war zuvor Anhänger der identitären Bewegung.

Heuchlerischer Erzähler

Was zunächst nach einem großen Widerspruch klingt, erscheint in Unterwerfung fast als Zwangsläufigkeit. Steve und Rediger sehen sich immer noch als Vertreter ihrer alten Werte, also Gott, Familie und Vaterland. Da das dekadente Europa jedoch abgewirtschaftet hat, stellt man diese nun lediglich unter andere Vorzeichen. "Rediger war im Grunde genommen", so heißt es im Text, "den Denkern seiner Jugend erstaunlich treu geblieben." Ob Christentum oder Islam, völkischer Nationalismus oder globale Scharia, Nietzsche oder Allah, diese ideologischen Wege sind für Houellebecqs Figuren ziemlich kurz. Das illustriert der Roman nicht zuletzt auch an manch hübschen Details. Es scheint beispielsweise kaum Zufall zu sein, dass der Name des neuen muslimischen Präsidenten, Mohammed Ben Abbes, auf Abbé, also das französische Wort für Abt oder Diözesanpriester, anspielt. 

Und auch François, der zunächst mit einer Konversion zum Katholizismus flirtet, bekennt sich schließlich zum Islam. Er wählt somit die für einen Nihilisten seines Schlags gleichermaßen naheliegende wie unverzeihliche Option: Er wird zum schnöden Opportunisten. Zu jemandem, der ob der allseitigen Verkommenheit und Heuchelei zwar von Weltekel ergriffen ist und gedankenschwer über Selbstmord sinniert, in Aussicht auf ein horrendes Gehalt und polygame Eheverhältnisse dann aber doch lieber mit dem Strom schwimmt. Und genau deshalb dürfen jene Worte François', die den Roman beschließen – "Ich hätte nichts zu bereuen" – auch nicht täuschen. 

Wenn nämlich jemand in diesem Roman schlecht wegkommt, ist es weniger ein satirisch überzeichneter Islam als vielmehr der heuchlerische Ich-Erzähler, der zum Objekt seiner eigenen Verachtung wird. Und nicht zuletzt deshalb gießt der Roman auch kein Wasser auf die Mühlen jener, die gegen die vermeintliche Islamisierung des Abendlandes aufmarschieren. Auf eine eigentümliche Art macht er sogar das Gegenteil. Lautet die Parabel des Textes am Ende doch, dass die Anhänger eines politischen Christentums und eines politischen Islams eigentlich nicht sonderlich viel unterscheidet. Sollte also etwa ein Pegida-Anhänger Unterwerfung lesen, lieferte er diesem keinen neuen Zündstoff. Vielmehr müsste ihm nach der Lektüre jene Gedichtzeile Theodor Däublers in den Sinn kommen, die so gern von Carl Schmitt zitiert wurde: "Der Feind ist unsere eigene Frage als Gestalt."