Zunächst einmal die Gefährdungslage: Köln-Mülheim, jenes Gelände, auf dem auch die Harald Schmidt Show aufgezeichnet wurde. Ein Stadtteil, in dem die Parallelgesellschaft, so es sie denn gibt, in Reinkultur zu besichtigen wäre und der dem Entertainer Schmidt stets als Zielscheibe für seinen politisch unkorrekten Spott diente. Aber auch jener Ort, an dem im Jahr 2004 eine Nagelbombe des NSU explodierte und 22 Menschen verletzte. Die ideale, sozusagen natürliche Umgebung also für den ersten und einzigen Auftritt von Michel Houellebecq in Deutschland, dessen Roman Unterwerfung in der vergangenen Woche in deutscher Übersetzung erschienen und umgehend auf Platz 1 der Bestsellerliste geschossen ist.

Im Foyer des Kölner Schauspielhauses, das provisorisch während der Renovierungsarbeiten der eigentlichen Spielstätte in einem gigantischen Container in Mülheim untergebracht ist, war es schwierig für die Besucher, nicht vor irgendeine Kamera oder irgendein Mikrofon gezerrt und von Fragen umstellt zu werden: Haben Sie Angst? Haben Sie den Roman gelesen? Was erwarten Sie von dem Abend? Die Polizei hatte die Gefährdungslage offenbar als nicht existent eingestuft, weswegen auch keine uniformierten Beamten zu sehen waren; schnell verbreitete sich eine Wohlfühlatmosphäre bei Kölsch oder Tannenzäpfle-Pils, die nur von den grotesk unhöflichen Mitarbeitern des privaten Ordnungsdienstes am Einlass gestört wurde. Gut so, einen Hauch von Attentatsstimmung braucht man dann doch bei einer solchen Gelegenheit.

Als Michel Houellebecq, der nach dem Terroranschlag von Paris zunächst einmal abgetaucht war, dann auf die Bühne kam, wirkte es fast, als würde er einer Inszenierung aus seinem eigenen Roman folgen: schlurfend, mit zerknautschtem Gesicht, in einem schlabberigen Parka, einer viel zu kurzen Hose und einem formlosen Jeanshemd. Der personifizierte Ennui. Zwei Minuten lang ertrug er das Blitzlichtgewitter der Fotografen, dann las er, weil er nicht immer dasselbe gefragt werden wolle, wie er sagte, eine kurze Erklärung vor: Nein, sein Roman sei keineswegs islamophob, aber selbstverständlich dürfe man einen islamophoben Roman schreiben, wenn man das wolle. Und man müsse nicht heldenhaft handeln, um ein Held zu sein, man müsse nur stur sein, "das waren die Leute von Charlie Hebdo: stur".

Fest auf literarischem Fundament

Das ist Houellebecq in Reinkultur, und so verlief auch der gesamte Abend: Der Autor war in erstaunlich gelöster Stimmung, ließ sich aber auf kaum etwas festlegen, wofür es allerdings möglicherweise auch präziserer Fragen von Seiten des Moderators Nils Minkmar bedurft hätte. Es zeigte sich schnell, dass Houellebecq ganz und gar auf einem literarischen Fundament steht, und das heißt: Er lässt alles zu und bleibt ambivalent und weist konkrete politische Analyse von sich. Das ist nicht sein Terrain, nicht seine Sache.

Wo er denn das Gespür hergenommen habe, um die Strömungen der Gegenwart so genau aufzunehmen, wurde er gefragt. Fast jeder seiner Antworten schickte Houellebecq ein lang gezogenes "Hmmmmmmmm" oder "Pfffffft" voraus. Nun ja, so kam dann die Antwort langsam und genuschelt, er habe eigentlich keine Beobachtungen gemacht und auch nicht recherchiert, sondern lediglich literarische Einflüsse zusammengeführt. Und seine eigene Haltung? Die gebe es nicht, sagte Houellebecq. Francois, seine Hauptfigur, habe eine Form des Relativismus entwickelt, die auch auf den Autor zu übertragen sei: "Ich habe keine Ahnung."

Während der Schauspieler Robert Dölle Passagen aus der deutschsprachigen Ausgabe von Unterwerfung vortrug, amüsierte sich Houellebecq sichtlich. Und wer den Roman noch nicht gelesen hatte, konnte zumindest eine Ahnung davon bekommen, dass Unterwerfung in erster Linie ein ungemein unterhaltsames Buch ist, das in satirischer Schärfe das Milieu der satten und dekadenten Politiker, Intellektuellen und Journalisten aufs Korn nimmt. Unterwerfung sei weniger islamophob als sorbonnophob, merkte der Moderator an. So schöne Sätze kommen darin vor wie: "Man könnte meinen, Lesen sei das Letzte, was den Menschen in ihrer Hoffnungslosigkeit blieb", oder: "Die Betrachtung von Frauenärschen, dieser kleine, träumerische Trost, war ebenfalls unmöglich geworden."

Sorgen um Frankreichs Zukunft

Etwas konkreter wurde Houellebecq dann doch, als es um die Parteienlandschaft ging. Frankreich sei ein rechtes Land, das sich einen linken Präsidenten gewählt habe, das sei eine Falle: "Wenn Hollande 2017 noch einmal gewählt wird, dann wird das sehr schlimm und sehr gefährlich." Was denn den Front National so attraktiv mache? "Ich würde gerne eine Zigarette rauchen, um darüber nachzudenken", nuschelte Houellebecq, kramte umständlich Zigaretten und Feuerzeug aus dem Parka, blies Wolken in die Luft. Der Front National bediene nostalgische Vaterlandsgefühle; Restbestände aus der Zeit de Gaulles. Und der Vorwurf, sein Buch helfe dem Front National? "Das ist mir ziemlich egal. Aber es hat noch nie jemand seine politische Meinung geändert, weil er ein Buch gelesen hat."

Nach 90 Minuten war alles vorbei. Von drei schwarz gekleideten Frauen umringt, schlurfte Houellebecq von der Bühne, keine Rückfragen, es ist alles gesagt. Im Foyer wieder die aufgeregten Kollegen mit Mikrofonen und Kameras. Draußen, auf den Straßen von Köln-Mülheim, ist alles ruhig.