Wenn erst der Lärm um Michel Houellebecqs Roman Soumission (Unterwerfung) verklungen sein wird, dann wird sich zeigen, dass dieses Buch eine ausgeruhte Lektüre lohnt. Gewiss, der Autor kennt den Literaturbetrieb und will den Skandal, klappern gehört zum Handwerk, und ja, dieses Motiv wird die Wahl des Plots beeinflusst haben. Na und. Was wäre normaler als das?

Der Roman erscheint erst am kommenden Mittwoch in Frankreich und eine Woche darauf in deutschen Buchhandlungen. Trotzdem beeilen sich französische und deutsche Medien vorab, Houellebecqs politische Fiktion mitunter besorgt zu verhandeln.

Und die sieht so aus: Um im Wahljahr 2022 die Präsidentschaft der rechtsradikalen Marine Le Pen zu verhindern, einigen sich die Sozialisten mit der bürgerlichen Rechten darauf, in der Stichwahl den Kandidaten einer islamistischen Partei zu unterstützen. Er gewinnt, und fortan wird Frankreichs Regierung von gemäßigten Islamisten geführt. Deren langfristige Strategie ist die Islamisierung der europäischen Gesellschaften sowie die Verlagerung des europäischen Zentrums in den Mittelmeerraum.

Klingt wie eine Pegida-Theorie. Und wer es darauf anlegt, kann den Roman auch durch diese Brille lesen, aber das ist ungefähr so intelligent wie das Absuchen eines Liebesromans nach sexuell erregenden Stellen. Das islamistische Szenario ist nicht das Thema des Buches, sondern seine Versuchsanordnung. Sie setzt die Figuren einem Magnetfeld aus, was dem Ganzen Dynamik gibt.

Wie katholisch darf die Rechte sein?

Hauptfigur ist ein Ich-Erzähler, dessen soziale und intellektuelle Identität allmählich zerfließt und der mit nur schwachem Widerwillen bemerkt, wie ihn die katholische und dann die muslimische Gläubigkeit anzieht. Er lehrt an der Sorbonne, sein Spezialgebiet ist das Werk des Schriftstellers Joris-Karl Huysmans, dessen Romane, erschienen gegen Ende des 19. Jahrhunderts, eine ähnliche Bewegung beschreiben. 

Soumission spielt immer wieder auf Huysmans an, außerdem auf dessen Zeitgenossen Charles Peguy, den schließlich zum Nationalkatholizismus konvertierten Schriftsteller; man muss ihren Gedanken nicht folgen, um Houellebecq dafür zu danken, dass er die Aktualität dieser Literatur demonstriert. In Frankreich schwelt eine Diskussion darüber, wie katholisch die politische Rechte sein sollte (der jüngste Vorstoß eines Rechtskatholiken findet sich in der aktuellen Ausgabe der Revue des Deux Mondes), und ausgerechnet Houellebecq, den die Atheisten bisher zuversichtlich unter die ihren zählen durften, gibt diesem Gedanken nun literarischen Ausdruck.