Was bleibt am Ende eines Lebens? Treibgut, Erinnerungen, Mosaiksteinchen, die sich immer schwerer zu einem Gesamtbild fügen lassen – vor allem, wenn Alzheimer das Gedächtnis förmlich auszuhöhlen droht. Bislang konnte der neunzigjährige israelische Autor Adam Schumacher, der Held aus Ron Segals Debütroman  Jeder Tag wie heute, noch gegen das Vergessen anschreiben und die Verbrechen des Faschismus aufzeichnen.

Als der Holocaustüberlebende jedoch für ein deutsches Literaturmagazin noch einmal in das Land der Täter zurückkehren muss, um seine Geschichte erneut aufzuschreiben, ergeben sich mehr und mehr Lücken und Irrwege. Aber auch seltsame Begebenheiten: Ähnlich der Grimm'schen Helfer, die des nachts das Werk des Schusters vollbringen, gleiten unterm Mond Schnecken mit Lampenfühlern über die Manuskripte. Und mit dem Erwachen liegen ganze Kapitel in höchster Perfektion auf dem Schreibtisch des Schriftstellers.


Doch was ist real, was Fiktion? Was wirkliche Erinnerung, was Kitt aus Fantasie und Halluzination? Ron Segal erzählt vom allmählichen Verdämmern dessen, was die Verfolgten der Nazis als kulturelles Erbe noch bis in die jüngste Zeit hinein den nachfolgenden Generationen hinterlassen konnten.  

Fiebernde Träumerei

Noch aber sind sie da: Schumachers Bilder einer großen Liebe, vom sanften Harfenspiel seiner bis zuletzt vergötterten Bella. Genauso wie auch die Narben, die nie verheilen werden. Vor dem geistigen Auge des Lesers ziehen der Tod der Eltern und die Viehwaggons der Deportierten vorbei. Von alledem berichtet Schumacher der jungen Redakteurin Eva. Sie hält sein Leben für die Nachwelt fest. 

Gleichwohl ist manches unwiderruflich verloren oder fragil geworden: Was in der Retrospektive mit bedrückenden Erfahrungsschilderungen  beginnt, gleitet nicht selten in fiebernde Träumerei ab: "Als Kind im Lager stellte ich mir vor, alle Offiziere hätten als Kopf ein Transistorgerät, eingestellt auf einen Sender, der Hitlers Reden in Endlosschleife wiederholte, wie die Reden, die ich in den Wochenschauen gesehen hatte, bevor alles anfing." Dass dieses Gerät in jenen Tagen noch gar nicht erfunden war, führt die Brüchigkeit von Schumachers Gedächtnis klar vor Augen. 

Jüdische Hintersinnigkeiten

Indem der 1980 in Israel geborene Filmemacher und Literat Ron Segal das individuelle Schicksal des Protagonisten in der kollektiven Leidensgeschichte des jüdischen Volkes spiegelt und zugleich die Grenzen zwischen Dichtung und Wahrheit auflöst, gelingt es ihm mit Bravour, die Problematik einer Erinnerungskultur angesichts allmählich verscheidender Zeitzeugen auf den Punkt zu bringen. Statt dem Verlust jedoch rührselig nachzusinnen, sucht der derzeit in Berlin lebende jüdische Autor, der die Gräuel nicht mehr persönlich miterlebte, nach einem sprachlichen Kontinuum, um es einerseits weiterzuführen, aber es andererseits für das Hier und Jetzt neu zu erfassen.

Glücklicherweise verzichtet Jeder Tag wie heute auf Schwere und Atemnot, lockert ferner die teils tragischen Momente der Hauptfigur durch jüdische Hintersinnigkeiten und Redeweisen auf. Ein Satz wie jener etwas trägt eine ganze Kulturtradition in sich: "Wer je behauptet, unmögliche Dinge könne man nicht glauben, tut das aus Mangel an Erfahrung." Segal zeigt sich in seinem Roman als klassisch-jüdischer Denker mit Ironie und Geist, der wie Doron Rabinovici oder Katja Petrowskaja nach einer unverbrauchten Sprache zwischen Tradition und Aufbruch sucht.