In Zeiten von Selbstoptimierung, Wellness- und Fitnesswahn sterben Raucher zwar nicht aus, aber sie verschwinden zusehends aus der Öffentlichkeit, müssen sich Nischen suchen, vor den Kneipen in der Kälte paffen und sich schon mal mitleidige Blicke gefallen lassen. Auch aus dem Film sind rauchende Helden inzwischen fast gänzlich verbannt. Nur noch selten sieht man den unglücklich Verliebten mit Fluppe im Mundwinkel durch eine Häuserschlucht wandern oder zwei, die sich gerade kennengelernt haben, einander Feuer geben – was ja immer mehr ist als nur ein Akt der Freundlichkeit, sondern gleich schon eine hocherotische Geste.

Das Kino war einmal der natürliche Ort der Zigarette – "eine Schule der Semiotik des Rauchens", wie der Filmkritiker Georg Seeßlen meint. In dem Film Blue in the Face etwa geht es ausschließlich ums Rauchen, und mitunter auch um letzte Dinge und letzte Zigaretten: "I got one cigarette left", schnoddert da Jim Jarmusch, "and I decided, you know, I was gonna come here, I wanna quit. But I wanted to smoke this with you. So I thought, you know, last cigarette, smoke it with all of you in fact. Hey Jimmie, could you take a picture of me an Augie and this last, my last cigarette. This is it, man!"

Kann sich jemand Marlene Dietrich, Lauren Bacall oder Rita Hayworth ohne Zigarette vorstellen? Oder gar Bogart, Brando und Belmondo? Brad Pitt hingegen, Tom Cruise, Daniel Brühl – lauter Saubermänner und Gesundbolzen, denen der Rauch kaum mal in verwegenen Szenen die Sinne vernebelt.  

Ulkigster Slapstick

Dass es zwischen Kino und dem Rauchen einen engen Zusammenhang zumindest gab, davon erzählt in kleinen Essays ein gerade erschienener Band des Deutschen Filminstituts Frankfurt am Main: Thank you for smoking. Gleich im Vorwort wird für alle Gesundheitsapostel festgestellt, dass es sich dabei nicht um eine Hommage an die Zigarette, sondern um eine an die Zigarette im Film handelt. Denn: "Die Zigarette im Film ist immer zweierlei: Sie ist filmsprachliches Zeichen und kulturhistorisches Artefakt." Will heißen, dass sie immer als Requisit Bedeutung beansprucht, der Figur etwas an die Hand gibt, womit sie spielen kann, dabei aber auch eine Menge über die Figur aussagt. Zudem vermittelt die Zigarette eine bestimmte Atmosphäre: Im Gangsterfilm sorgt sie für Spannung, wenn die Ganoven im Zigarrennebel ihre Köpfe zusammenstecken. In der Komödie kann sie die ulkigsten Slapstick-Verwicklungen in Gang setzen. Und bei David Lynch in Wild at Heart geradezu eine entscheidende dramaturgische Rolle beanspruchen.

Des Weiteren aber drückt die Zigarette – und wer sie raucht – immer etwas über die jeweilige Zeit aus. Schon in den 1910er Jahren gab es im Film wilde Rebellinnen, die munter qualmten – ein emanzipatorisches Statement. Überhaupt rauchende Frauen: Die sind nicht nur sexy, sondern zudem ziemlich gefährlich, wie Katja Eichinger in ihrem Beitrag ausführt: "Die Zigarette wird so zum Requisit der Inszenierung eines perfekten Enigmas: einer Frau mit Phallus. Doch die Lust, die dem männlichen Betrachter dabei beschert wird, hat ihren Preis. Denn jeder Phallus hat etwas Bedrohliches. Er bedeutet Rivalität und Emanzipation. Die Frau mit der Zigarette ist dem Mann – zumindest für einen kurzen, schnell verrauchten Moment – gleichgestellt. Allein schon deswegen gehört die Zigarette zur Standardausrüstung der Femme fatale."

Verschwendung und Wagnis

Thank you for smoking versammelt einige lesenswerte und erhellende Texte von Filmwissenschaftlern, Produzenten und Regisseuren; es geht um einschlägige Werke wie Jim Jarmuschs Coffee and Cigarettes oder um die Bedeutung der Zigarette im Werk Rainer Werner Fassbinders, es geht um das "Kino des Begehrens" oder die Nähe von Zigarettenwerbung und Film. Vor allem aber handeln die 28 Beiträge von der Liebe zum Kino, die immer auch eine Liebe zu Gesten ist, zum Verschwenderischen und zum Wagnis, zum erträumten Leben und zum bewegten Traum. Die Zigarette ist ein glimmendes Symbol dieser Liebe.