Kaum ein anderes Ereignis in der neueren Literaturgeschichte hat eine solche Legendenbildung nach sich gezogen wie die Tagung der Gruppe 47 im Mai 1952 im Ostseebad Niendorf. Es war das einzige Mal, dass der später sehr berühmt gewordene Lyriker Paul Celan an einem solchen Treffen teilnahm, und mittlerweile hat sich ein ganzes Knäuel von Assoziationen darum gebildet, das viel intensiver zu wirken scheint als konkrete Fakten: Paul Celan sei dort sehr schlecht behandelt worden und es hätte eine antisemitische Stimmung gegen ihn gegeben. Die Gruppe 47 dieser Zeit wird überwiegend als eine Ansammlung von Kriegsteilnehmern dargestellt, denen es ausschließlich um ihre Schützengraben-Erfahrung gegangen sei, und das habe zu einem sehr eng gefassten Literaturbegriff geführt: realistische, reportagehafte Prosa à la Hemingway, "Kahlschlagliteratur". Nicht zu unterschätzen sei dabei auch eine Art Kameraderie, die da geherrscht habe, fast so etwas wie Landser-Romantik. 

Dass diese Gruppe bei Weitem weniger homogen und durchaus differenziert war, sieht man allerdings bereits anhand der Teilnehmerlisten. Die surrealistisch geprägte und mit einem ungarischen Juden verheiratete Lyrikerin Ilse Schneider-Lengyel etwa war 1947 die erste Gastgeberin, der nach Teheran emigrierte Jude Walter Maria Guggenheimer war ebenfalls schon bei der ersten Tagung anwesend, und bald stieß Wolfgang Hildesheimer dazu, der nach Israel emigriert gewesen war und als Dolmetscher bei den Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozessen gearbeitet hatte. Hildesheimer gehörte lange zum innersten Kern der Gruppe 47 und war mit deren Organisator Hans Werner Richter eng befreundet.

Jetzt wurde aus dem Nachlass des 1965 gestorbenen Thomas Gnielka ein Romanfragment veröffentlicht, aus dem er just bei der Niendorfer Tagung 1952 gelesen hatte. Auch diese Prosa ist geeignet, vorschnelle Urteile über die Art, wie bei der Gruppe 47 die Kriegserfahrung thematisiert wurde, infrage zu stellen. 

Der 1928 geborene Gnielka hat den Text als kaum Zwanzigjähriger geschrieben, nachdem er als 15-Jähriger zur Deutschen Wehrmacht eingezogen worden und als Luftwaffenhelfer am KZ in Auschwitz eingesetzt war. Es ging um den Schutz der dortigen IG Farben-Werke gegen Fliegerangriffe, und die Kindersoldaten bekamen die Haftbedingungen im angrenzenden Konzentrationslager dabei sehr genau mit. Gnielka, der zusammen mit seiner Schulklasse aus einem liberalen Berliner Gymnasium im Januar 1944 dorthin abkommandiert war, arbeitete sich Zeit seines Lebens an diesem Trauma ab. Er starb als 36-Jähriger an Hautkrebs – dass es dabei einen Zusammenhang mit seiner Kriegserfahrung und seiner intensiven Auseinandersetzung mit den NS-Tätern gab, war für seine Angehörigen und Kollegen evident.

Lakonische, hyperrealistische Prosa

Gnielka floh im Februar 1945 von der Ostfront, tauchte in Berlin unter und schloss sich einer Widerstandsgruppe an. Nach dem Krieg absolvierte er ein Volontariat beim Spandauer Tageblatt, und eine Zeitlang verschlug es ihn auch nach München, wo er den umtriebigen Journalisten Hans Werner Richter kennenlernte. Früh begann er, Die Geschichte einer Klasse zu schreiben – so lautete der Titel seines geplanten Romans. Es sind etwa 80 Druckseiten, die das jetzt veröffentlichte Fragment umfasst (erschienen, mit einem dokumentarischen Anhang, in der Europäischen Verlagsanstalt, 184 Seiten, 19,90 €).

Es ist eine präzise, lakonische, hyperrealistische Prosa mit vielen Dialogen und extrem zugespitzten Stimmungsbildern. Man merkt in jedem Satz, ja in jedem Wort, dass die Kriegserfahrung hier etwas Zerstörerisches hatte, dass sie an einen Abgrund führte; es gibt keinerlei Hauch von etwas "Heldischem" oder romantisch-"Kameradschaftlichem". Das Grauen wird auf bedrängende Weise zwischen den Zeilen evoziert. Es ist frappierend, mit welch avanciertem Formverständnis Gnielka operiert und durch Auslassung, durch Verknappung eine ungeheure Wirkung erreicht. Dass es sich um Auschwitz, dass es sich um den vom Deutschen Reich verübten Massenmord an den europäischen Juden handelt, wird mehrfach konkret benannt. Hier gibt es kein Ausweichen.

Gnielka schildert, was er selbst erlebte: So betrat seine Klasse im Januar 1945 das KZ Auschwitz, nachdem es von den Deutschen geräumt worden war, kurz vor dem Eintreffen der Roten Armee. Dass in einem eigens dafür ausgeschachteten Graben meterhoch übereinander gestapelte Leichen liegen, wird nicht direkt beschrieben, sondern durch die Reaktion der Beteiligten deutlich – dieses Motiv zieht sich untergründig durch den Text. Wenig später geht der Ich-Erzähler auf den Schwellen der Straßenbahngleise durch Berlin: "Jedes Mal, wenn ich die aufgeweichten Grasbüschel unter meinen Füßen spüre, bekomme ich ein unangenehmes Gefühl im Magen. Ich muss dann ein paar Worte laut reden, davon geht es weg." Dies ist ein bedrängendes Bild. Diese "aufgeweichten Grasbüschel" gemahnen an etwas Körperliches, da wird das Entsetzen sinnlich greifbar. Gnielka trifft mitten in den wunden Punkt der damaligen deutschen Verdrängungsprozesse.  

Auf den Spuren der SS-Verbrecher

Eine Passage aus seinem Text wurde bisher nur 1952 in einer kurzlebigen Zeitschrift gedruckt, die als Hausblatt der Gruppe 47 gedacht war. Nach einem halben Jahr wurde Die Literatur wieder eingestellt, und Hans Werner Richter nannte dem Spiegel gegenüber als Erklärung: "Es fehlen heute in Deutschland 50.000 literarisch interessierte Juden, die es vorher gab." Die Reaktionen in der Gruppe 47 auf Gnielkas Lesung waren durchweg positiv – aber er schrieb den Roman nicht zu Ende. Denn gleichzeitig recherchierte er die Vorkommnisse im KZ Auschwitz, von denen öffentlich nie die Rede war.

Er agierte als Journalist und verfolgte die Spuren der SS-Verbrecher. Ende der fünfziger Jahre war er mit einer Artikelserie in der Frankfurter Rundschau der Hauptauslöser dafür, dass der große Frankfurter Auschwitz-Prozess Anfang der sechziger Jahre überhaupt erst möglich wurde. Im Film Im Labyrinth des Schweigens, der davon handelt und zur Zeit in den Kinos läuft, taucht Thomas Gnielka als eine der zentralen Figuren auf (seine eigene literarische Ästhetik ist derjenigen dieses Films jedoch weitaus überlegen).  

Die Auschwitz-Erfahrung hatte Gnielka tief geprägt und er rieb sich daran auf. Seine Lesung in Niendorf war unmissverständlich. Hat Paul Celan bei dieser Lesung zugehört? Es existiert kein Zeugnis darüber. Aber es gibt eine interessante Koinzidenz: Thomas Gnielka verwendete in seinen journalistischen Artikeln über Auschwitz den Begriff der "Todesmühlen", der auch bei Paul Celan auftaucht, in der Form "Mühlen des Todes". Der einflussreiche, rechtskonservative Kritiker Hans Egon Holthusen polemisierte noch Jahre später mit Verweis auf diese "Mühlen des Todes", Celan habe "eine Vorliebe für die 'surrealistische', in X-Beliebigkeiten schwelgende Genitivmetapher". Holthusen wollte es offenkundig nicht besser wissen.