Gezeichnet von Unglück und Krankheit: Christine Lavant (1915–1973) © privat

"Dichtung, sofern sie ihren Namen verdient, bewegt sich durch vermintes Geschichtsgelände", schrieb Michael Braun hier im Januar über Gedichte von Marcel Beyer. Wohl eher toxisch glüht der Untergrund, betritt man ihn in der Zeit rückwärts schreitend und tritt mit Genderfragen ans Gedicht heran. Christine Lavant aus dem Lavanttal in Kärnten ist in dieser Hinsicht ein interessanter, da umstrittener Fall. 1915 geboren, verbrachte sie ihr kurzes, von Krankheiten und einer unglücklichen Ehe überschattetes Leben – sie starb 1973 mit nur 58 Jahren – in Armut und Bitterkeit. So bezeugen es Gedichte und Briefe.

"Urwüchsig", "wahrhaft bedeutend" und "ungewöhnlich schön" erschienen Lavants frühe Gedichte ihrem ersten Verleger, wie man aus den beiden sehr informativen Nachworten der neuen Ausgabe Zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichte erfährt. Das Eröffnungsgedicht ihres ersten Bandes Die unvollendete Liebe (1949) endet mit Versen, die eine zarte, bedürftige Gestalt entwerfen: "Da erschreckt sich dein Herz so, als wär es gemeint / und erwartet von jeglichen Dingen. / Und leise beginnt es zu singen." Empathiefähigkeit traut man diesem Ich zu, und Empathiefähigkeit durch eigenes Leiden schreibt noch Elke Heidenreich der Lavant im Jahr 2001 in einem Begleittext zur Hörbuch-Ausgabe des zweiten Gedichtbandes Die Bettlerschale zu. Stimmt das Bild solch holder Weiblichkeit?

Das Singen der Lavant wurde von Gedicht zu Gedicht lauter, bis es 1962 herrisch tönte: "Fragt nicht, was die Nacht durchschneidet, / denn es ist ja meine Nacht / und mein großer Pfauenschrei / und ganz innen drin die Zunge / mit der Botschaft nur für mich." Woher rührt das Unbehagen, das solche Verse auslösen, die sich wie im Trotz dagegen verwahren, das eigene Leid zu teilen oder sich abnehmen zu lassen? Der Dichter Thomas Kling, selbst spätestens seit seinem frühen Tod 2005 eine Ikone, schrieb über die in seinen Augen "berserkerhafte" Christine Lavant in seinem Buch Botenstoffe, sie sei eben mehr "als eine naive ungefickte Alleinstehende, in ihrer Dichtung bloß 'aufbegehrende' katholische Schmerzensfrau". Ideologielos randaliere ihre Sprache gezielt gegen eine reaktionäre Nachkriegszeit, "deren in jeder Hinsicht unaufgeklärte (Gedicht-Lese-)Gesellschaft in die nekrophile Tradition des eigenen Körperhasses verliebt war."

Der hässliche Schrei des Pfaus

Ideologielos? Die ebenfalls österreichische Schriftstellerin Marlene Streeruwitz beschrieb unlängst in einer stupenden Analyse des Gedichts Wo treibt mein Elend sich herum? die Traditionen sadistischer Erziehung, in denen Lavants Sprache der Ausgrenzung sich bewege, und das am katholischen Gebet geschulte "Fühldenken", durch das ihr Ich die Reflexion ersetze und also suggeriere: kein Ausweg, nirgends.

Die Berliner Dichterin Monika Rinck bestätigt diese Lesart im Prinzip, wenn sie in einem Essay in der aktuellen Ausgabe der Neuen Rundschau in einer Nebenbemerkung schreibt: "Was aber, wenn die Lavant sich aufmacht, gegen die Entsagung anzugehen, und das Gedicht am Ende doch wieder nur Sublimierung ist?" Das Gedicht wird also zur Ersatzhandlung, entwertet wird damit sowohl das Gedicht, als auch der Akt des Widerstands, der die Grenzen des Gedichts ja nicht überschreitet. Mit Streeruwitz gelesen, macht sich Lavants Gedicht sogar die Methoden zu eigen, die sich jahrhundertelang so gut eigneten, unter anderem Frauen dazu zu bringen, an ihrer Unterdrückung nichts zu ändern. Sie trete also auf der Stelle. "Selbst wenn morgen dann die Sonne / ganz erschöpft und fast verwachsen / mit der Fegefeuerknospe / rasten will, wird sie vertrieben – / denn es ist ja meine Knospe / auf dem Rücken meines Steins / und für meine nächste Nacht", endet das Eröffnungsgedicht von Lavants letztem eigenständigen Gedichtband Der Pfauenschrei, dessen Anfangsverse oben schon zitiert wurden. Die Identifikation mit dem Leiden ist rasant! Oder?

Nur in asiatischen Traditionen steht der Pfau für Barmherzigkeit und Mitleid. Bei uns gilt das auffällige Tier als Ausbund an Eitelkeit. Von seinem schlechten Charakter zeugt sein hässlicher, lauter Schrei. Lavants Gedicht ist ein Affront: gegen die christliche Ideologie weiblicher Bescheidenheit, Anmut und Mitleidsfähigkeit, gegen ihre eigenen Leser auch, die ihr zum Erfolg verhalfen mit ebendiesem Bild von ihr: der Schmerzensfrau. Wären da nicht all die Imperative und Ausrufezeichen in ihren Gedichten, die Wenns und Danns in ihren Briefen. Nur eine stellt hier die Bedingungen lautet der Subtext: Christine Lavant.

Erschöpfung trifft nicht auf Erbarmen

Im zitierten Gedicht willigt das Ich in seine Zugehörigkeit zur Nacht ein, betont mit der Aneignung des Pfauenschreis nicht nur den Willen zum Missklang, sondern auch das Bekenntnis zur auffälligen Andersartigkeit. Mehr noch: Die Sonne, Botin des hellen Tages, wird abgewiesen, ihre Erschöpfung trifft nicht auf Erbarmen. Das Fegefeuer wird beschworen, bevor es seine läuternde Funktion entfalten kann: Die Rituale sozialer Reintegration werden verweigert. Mit dem Nachdruck der männlichen Kadenz, mit der das Gedicht endet, verharrt das Ich im Zustand der Erwartung, ohne ihn überhaupt überwinden zu wollen; mit Lust an der Umwertung aller Werte willigt hier jemand in die düsterste Gegenwart ein. Und das ganz ohne einen Hauch von Resignation.

Wie paradox die Situation: Hier die kämpferische Geste und der Bruch mit dem christlichen Weiblichkeitsideal, ja, das Bekenntnis zu dunklen Lüsten, die Frauen einst auf Scheiterhaufen brachten. Da der furchtbare Egoismus, die kohlhaassche Abwehr einer Veränderung der Verhältnisse und vor allem: ein Menschenbild, das Solidarität von vornherein ausschließt. Bewundernswert berechnend oder gefährlich fanatisch?

Eine Dichterin, die solche Widersprüche in zwölf einfachen Versen zu entwerfen und dazu noch im verwirrenden Entwurf einer weiblichen Selbstermächtigung Konfliktlinien bis in unsere Tage zu ziehen vermag, die ist wohl längst noch nicht ausgelesen.