Seit der Veröffentlichung seines Romans Open City hat amerikanisch-nigerianische Autor Teju Cole in der Weltliteratur einen Platz zwischen Schriftstellern eingenommen, die wie Flugzeugträger heißen: W. G. Sebald und V. S. Naipaul. Und obwohl er mit Open City seinen ersten großen Auftritt hingelegt hat, war es eigentlich nie ein Geheimnis, dass es schon einen früheren Roman von ihm gab, den allerdings kaum jemand gelesen hatte.

Das lag weniger an dem Buch selbst, als an den transatlantischen Vermarktungsstrukturen: Teju Coles Debütroman Every day is for the thief ist 2007 bei dem nigerianischen Verlag Cassava Republic Press erschienen, der schon rein finanziell kaum in der Lage ist, seine Titel bei den wichtigen Medien und Festivals ins Gespräch zu bringen. Weshalb das Buch jetzt noch einmal von Verlagen ins Programm genommen wurde, die allgemein als unübersehbar gelten. In Deutschland ist heißt der Verlag Hanser Berlin und der Roman Jeder Tag gehört dem Dieb.

Die Geschichte setzt im nigerianischen Konsulat in New York ein: Der namenlose Ich-Erzähler will sich einen nigerianischen Pass besorgen, bevor er erstmals seit 15 Jahren wieder nach Lagos reist, die Stadt seiner Jugend und Adoleszenz. Die Angestellten des Konsulats bieten einen speziellen Service an: Gegen eine Gebühr, die auf einer gesonderten Zahlungsanweisung zu übergeben ist, beschleunigen sie das Verfahren.

Deprimierende Farce

Diese Korruption verfolgt den Ich-Erzähler, der in New York Medizin studiert, durch den gesamten nigerianischen Aufenthalt und damit durch den ganzen Roman: Wer den Zollbeamten bezahlt, kann schmuggeln, was er will. Wer den Richter bezahlt, kommt nicht ins Gefängnis. Autofahrer werden alle Nase lang angehalten und um ein Lösegeld erpresst, manchmal von Straßengangs, manchmal von Polizisten. Die meisten Nigerianer sehen in dieser inoffiziellen Wirtschaft kein größeres Problem, schließlich sind die Löhne oft schlicht zu niedrig, um ohne Bestechungsgelder über die Runden zu kommen. Die Korruption sorgt dann dafür, dass jeder ein angemessenes Auskommen findet.

Der Ich-Erzähler aber, der sich in den USA an gewisse rechtsstaatliche Standards gewöhnt hat, fühlt sich von dieser chaotischen Gewaltenteilung permanent bedroht. Sie nimmt ihm die Orientierung: Anders als die USA wirkt Nigeria auf ihn wie ein Land, das sich keinen historischen Auftrag gegeben hat. Die Menschen verfügen über keine kollektive Erzählung, die sie als Gemeinschaft definiert, stattdessen macht jeder so sein Ding und hofft, dass er nicht erwischt wird. Und wenn doch, muss er im schlimmsten Falle die Tageseinnahmen an den zuständigen Beamten abführen. Der Ich-Erzähler verabscheut diese ideelle Leere: "In London, New York und Berlin begann ich mich nach Lagos zu sehnen. (...) Und jetzt entpuppt sich Lagos als niederschmetternde Enttäuschung."

Nigeria habe kein Geschichtsbewusstsein, die Eliten schlügen sich die Taschen voll und obwohl die Öleinnahmen des Landes für drei Schulsysteme reichen würden, sind noch immer die Hälfte der Einwohner Analphabeten. Auch das historische Museum der Metropole erlebt der Protagonist als deprimierende Farce. Anstatt auf die Rolle Nigerias im transatlantischen Sklavenhandel einzugehen, huldige es der Reihe nach den verschiedenen Regierungschefs, darunter "Schlächtern" und "Stümpern".

Heimtückischer Virus

Von der profitablen Sklavenhandelsroute zwischen Lagos und New Orleans zum Beispiel, die im 19. Jahrhundert sehr viele Weiße sehr reich gemacht hat, wolle hier niemand mehr etwas wissen. Dabei könnte genau diese Geschichte als mahnender Nationalmythos dienen, als moralische Grunderzählung eines ganzen Volkes: 1850 habe es in New Orleans 25 Sklavenmärkte gegeben, "doch dieser Teil der Geschichte ist heute buchstäblich versunken und war es schon lange vor der letzten Flut – er wurde versenkt in Trinkgelagen, Jazz und Mardi Gras. High Times, die beste Medizin gegen Geschichte. Die Menschenladungen, die in New Orleans ankamen, stammten aus vielen Häfen, die meisten an der westafrikanischen Küste. Und auch das ist ein Geheimnis: Der geschäftigste Hafen von allen war Lagos."

Weil die nigerianische Regierung auch sonst wenig zustande bringt, ruhen die Hoffnungen des Landes bis heute zum guten Teil auf jenen Nigerianern, die im Ausland gelernt haben, wie man eine Nation auf die Beine stellt. Auch der Ich-Erzähler ist so ein Rückkehrer. Allerdings hat er aus den USA nicht nur ein bürgerliches Bewusstsein und eine akademische Ausbildung mitgebracht, sondern außerdem einen heimtückischen Virus: den distanzierten Rationalismus.