Literaturkritik hat es leicht, wenn sich der Text, den es zu bewerten gilt, selbst "kritisch" gibt: gesellschaftliche Missstände benennt, Selbsttäuschungen offenlegt, Verwerfliches entlarvt, auf Konfrontationskurs geht. Was aber, wenn sich ein Text nicht in dieser Weise über das Bestehende erhebt? Sondern stattdessen in einem hohen Ton feierlich über den Reichtum der Gegenwart spricht? Anhand der Rezeption von Jochen Distelmeyers Roman Otis lässt sich beobachten, wie schwer sich die Literaturkritik zuweilen mit Strategien und Erzählweisen tut, die jenseits des Handelsüblichen liegen – zumal wenn diese Kritiken offensichtlich unter den leider üblichen Bedingungen von Zeitdruck und ungenauer Lektüre entstanden sind.

Umso bezeichnender, dass einige Rezensenten zudem noch einen hämischen Grundton anschlagen, der zeigt: Hier geht es nicht um die fundierte Auseinandersetzung mit einem literarischen Werk. Hier soll boulevardesk die Geschichte vom Sturz eines "Promis" erzählt werden. Dazu sind alle Mittel und Projektionen recht. So wird Distelmeyers gepflegtes Aussehen – "Seine Finger sind lang und schmal, die Nägel etwas lang, aber sehr sauber gefeilt" (Welt am Sonntag) – immer wieder beschrieben, um zu suggerieren, dass er "unnahbar stolz" (Berliner Morgenpost) sei. Zudem wird der Inhalt des Buches verzerrt wiedergegeben, werden Details überbetont und ihre Einbindung in die Konstruktion des Buches einfach ausgeblendet, als handelten die Rezensenten nach dem Motto: Was in meine Kritik nicht passt, wird passend gemacht. Dieser in jeder Hinsicht formlose Umgang mit Literatur nimmt zu. Im letzten Herbst wurde Judith Hermann Objekt einer "Kritik, die keine Maßstäbe mehr" kennt – so das Magazin Cicero mit Blick auf die Rezensionen zu Hermanns Roman Aller Liebe Anfang.

Zurück zur Chronologie: Am 30. Januar diesen Jahres erschien Otis, der erste Roman von Jochen Distelmeyer. Distelmeyer war Frontmann der Band Blumfeld, die sich 2007 auflöste. Kaum einer Rezension fehlt ein Hinweis auf die künstlerische Qualität der Texte Blumfelds. Die Band habe "den deutschen Pop revolutioniert" (Der Spiegel), "die menschliche Existenz in einer Zeile zusammengefasst hat" (Spiegel-Online) und "demonstriert, (…) dass auch in Deutschland Pop und (linke) Politik effektiv verbunden werden können" (Der Tagesspiegel).

Die Spannung einer Schneeballschlacht

Distelmeyers Roman beginnt mit dem Satz: "Die Sonne hatte sich den Himmel zurückerobert und schien über die Häuser der Stadt, als sei nichts gewesen." Mit diesem Satz zeigt der Roman bereits sein Programm: Er wird nicht über Spannung auf der Handlungsebene angetrieben. Er kokettiert geradezu damit, dass er mit Ereignissen umgeht, "als sei nichts gewesen". Dieser kokette, subtile, erhellende Umgang mit herkömmlichen Erzählmustern und -antrieben zeigt sich auch in der Gesamtanlage des Buches. Statt zum Ende hin die Spannung zu steigern, die Ereignisse durch weitere Verwicklungen voranzutreiben, lässt Distelmeyer auf den letzten Seiten von Otis seine Figuren eine Schnellballschlacht im Zoo machen und eine Darts-Übertragung im Fernsehen anschauen.

Zugleich markiert der Eingangssatz die Faszination an der Gewalt, der das Denken und Sprechen allzu leicht unterliegen und die sich selbst in poetischen Gedanken manifestiert: Die Sonne "erobert" sich den Himmel. Gegen das von Gewalt und Spannung angetriebene Erzählen versucht Distelmeyer eine andere Art von Flow, andere Töne. So heißt es in der Eingangspassage: "Der Berufsverkehr der frühen Morgenstunden hatte sich gelegt und war mittlerweile in ein hier und da aufbrandendes Rauschen übergegangen, eine Art Singsang oder Takt, der dem Tag eine andere, menschliche Struktur verlieh." Womit ein weiterer Hinweis auf die Erzählweise gegeben ist – "eine Art Singsang" –, der einige Seiten später konkretisiert wird: Tristan Funke, Hauptfigur des Buchs, ist nach Berlin gekommen, schreibt an einem Roman über Homers Odyssee. Er liest die Odyssee in der Übersetzung von Johann Heinrich Voß, die "in ihrem Versuch, das epische Versmaß und den hohen Ton des Originals zu erhalten, trotz aller Fehler und Mängel den Figuren den nötigen, wie er (Funke) es nannte, 'Hallraum'" eröffnet, aus dem heraus "antike Wesen und Gottheiten für uns Heutige erst erfahrbar werden".

Vermeintlich "hineinkopierte Wikipedia-Blöcke"

All das sind deutliche Fingerzeige im Text, dass es dem Roman – wenig verwunderlich bei einem Autor mit Distelmeyers Expertise – am Ton, am Sound, am Hall gelegen ist. Selbst Kritiker, denen Distelmeyer im Interview explizit sein Projekt beschreibt – wie Tobias Rüther in der FAS, der Distelmeyer zitiert mit den Worten: "Ich wollte die Welt, die mich hier umgab, besingen, das Fest und den Reichtum schildern" –, gehen nicht darauf ein. Im Interview des Spiegel erläuterte Distelmeyer: "Ich fühle mich einer Tradition verpflichtet, die von Homer zu John Lee Hooker reicht" (also Rhapsoden, Sängerdichtern, Blues-Musikern), was Autor Tobias Rapp mit einem "Yeah!" kommentiert und ausführt: "Nun ist Pop immer auch die Kunst der Behauptung und die Performance meist wichtiger als das, was man zu sagen hat." Um dann ausgerechnet auf die performative Ebene und Qualitäten des Textes nicht weiter einzugehen.

Für diejenigen, die nicht selbst – zum Beispiel durch lautes Lesen – auf diese stoßen, gab und gibt es eine bequeme Entdeckungsmöglichkeit: eine Promo-CD, auf der Distelmeyer den Anfang des Buches vorträgt. Keiner der Kritiker setzt sich substanziell mit diesen explizit formulierten Ansätzen Distelmeyers auseinander. Das bedeutet: Sie messen Distelmeyers Werk nicht an den Maßstäben, die es selbst aufstellt und verfehlen damit den Grundsatz jeglicher Kunstkritik.

Ohne Gedanken an Strategie

Was nun leistet der Ton in Distelmeyers Buch? Er schafft unmittelbar eine emotionale Bindung zum Text. Wie gut dies funktioniert wird deutlich daran, wie schwer sich die Rezensenten mit Erweiterungen dieses Tons tun, die Distelmeyer bereits nach wenigen Seiten vornimmt. Tristan Funke ist in Berlin unterwegs. Immer wieder, wenn er an historisch markanten Orten vorbeikommt – an der Stelle, an der Hitlers Leiche verbrannt wurde, am Mahnmal für die ermordeten Juden, am Schloss im Ostberliner Tierpark –, wird deren Geschichte ausführlich wiedergegeben, in einem Duktus, der an Wikipedia-Einträge erinnert. Statt den Irritationen nachzugehen, die dieser Tonwechsel bei ihnen bewirkt, legen die Rezensenten Distelmeyer den eintretenden Effekt als stilistische Schwäche aus. Ohne jeden Gedanken über die Strategie hinter diesem Tonwechsel und der Funktion der vermeintlich "hineinkopierte(n) Wikipedia-Blöcke" (Spiegel-Online).

Der Roman spielt 2012, vor drei Jahren. In der Lebenszeit der Leser. Die in den "Wikipedia-Einträgen" geschilderten Ereignisse der Zeitgeschichte hat man also mitbekommen. Hat man? Stecken diese Berichte nicht voller Details, die man nicht kannte? Die man sogar vergessen hat? Vergessen? Trifft etwa zu, was Tristan Funke aus der Odyssee auf Berlin projiziert: Es sei die Stadt der Lotophagen, der Menschen, die Lotus essen, was bewirkt, dass sie alles vergessen? Damit ist ein den Roman durchziehendes Thema genannt: Der Umgang Deutschlands mit seiner Vergangenheit, der eine Erinnerungskultur hervorgebracht hat, die, so resümiert Tristan Funke, "über die Selbstverständlichkeit des bloßen Bekenntnisses zur Tat nicht hinausgelangte. Dadurch blieb die für Rüstungsexport und Krieg notwendige Voraussetzung, die Aufgabe des Mitgefühls für die Opfer, unangetastet, unhinterfragt und konnte weiterleben im Alltag der nachfolgenden Generationen, ihrem Denken und Fühlen, um die Stabilität des gesellschaftlichen Gefüges, das Überleben der eigenen Art, der Familie und Nation auch in den Verteilungskämpfen der Zukunft sicherstellen zu können."

Irritation durch Affirmation

Klartext, unbequeme Analyse, gewonnen aus der Homer-Lektüre, die keineswegs das ist, was Diedrich Diederichsen in der ZEIT der Auseinandersetzung mit der Odyssee und anderen literarischen Texten in Otis unterstellt: "Die bildungsbürgerlichen Fährten sind Irrwege und zeigen keinen Weg aus der freundlichen Seichtheit der Welt heraus."

So wie Distelmeyer die Odyssee liest, wird sie zum Königsweg für das Verständnis der Gegenwart. Nicht nur weil sie, wie Distelmeyer im Spiegel-Interview ausführt, von Kriegsheimkehrern, (…), Datennetzen, Waffentechnik, Männern und Frauen" handelt. Odysseus und seine Mannschaft, vom endlosen Krieg um Troja gezeichnet, irren durch das Mittelmeer. Sie sind auf Gastfreundschaft angewiesen, um zu überleben. Auf die Großzügigkeit ihrer Gastgeber. Allerorten ist in Distelmeyers Buch von Großzügigkeit die Rede, laden sich die Figuren ein, beschenken sich. Die Handlung läuft auf eine Party zu, bei der die Organisatorin "sich selbst übertrifft". Distelmeyer führt es nicht aus, er belässt den Schluss dem Leser: Die Lotophagen der Gegenwart gewähren ihre Großzügigkeit nicht den Kriegsflüchtlingen, die über das Meer kommen.

Statt gegen Geschichtsvergessenheit, Empathiemangel, et cetera Klage zu führen, wählt Distelmeyer ein Mittel, dessen Anwendung er mit seiner Band Blumfeld zu irritierender Meisterschaft entwickelt hat: die Affirmation, die Bejahung.  Sie manifestiert sich in der eingangs zitierten Aussage Distelmeyers: "Ich wollte die Welt, die mich hier umgab, besingen, das Fest und den Reichtum schildern." Ein affirmativer Standpunkt verzichtet unter anderem auch darauf, etwas besser zu wissen. Aus dem Ressentiment heraus zu schreiben, dass die Welt schlecht, man selbst aber gut sei. In dem Lied Graue Wolken von Blumfeld heißt es: "Ich weiß nicht, warum ich lebe / Nur, dass ich am Leben bin / Dann steh ich auf und gehe unter Menschen / Und frage mich, was kann ich tun?/ Ich will sie hassen / Und kann's nicht lassen / In allem, was sie ausmacht, auch ein Stück von mir zu sehen."

Verleumderische Unwahrheiten

Die Affirmation setzt Distelmeyer konsequent zum Beispiel in der Figurendarstellung um. Seine Charaktere sind keineswegs "platt" (Spiegel-Online), wie die Rezensenten behaupten. Sie zeichnen sich vielmehr durch das beständige Schwanken zwischen Banalität und Einsicht aus. Immer wieder enthalten Monologe von Figuren, die zunächst irgendeinen Quatsch ausführten, plötzlich zwingende, höchst einleuchtende Erkenntnisse. Die von den Figuren entwickelten Gedanken, Schwächen, Marotten, Alltäglichkeiten sorgen für den inhaltlichen Reichtum des Buches, das vom Überraschungsei bis zum Schicksal eines Busfahrers alles aufzunehmen bereit ist – sogar die Arbeitsbedingungen eines Feuilletonisten, der unter Zeitdruck eine Glosse über ein noch nicht erschienenes Buch schreiben soll. Der Kritiker namens Lippnitz ist für seine "Rundumschläge" bekannt, hat vor einigen Jahren ein Buch geschrieben, von dem es hieß, "es strotze vor verleumderischen Unwahrheiten, bediene das Bedürfnis nach Herabsetzung und Häme und sei in Teilen sogar gewaltverherrlichend".

Flüchtigkeitsfehler in den Rezensionen

Lippnitz macht also all das, was sich Distelmeyer bewusst versagt. Sein Text enthält statt Unwahrheiten wikipedialange Einträge, statt Herabsetzung und Häme Vielschichtigkeit, statt Gewaltverherrlichung und Ressentiment die Feier des Bestehenden. Feier auch einer Figur wie Lippnitz: Dieser "charismatische Grantler" bekommt eine ordentliche Portion Liebesglück ab, gewinnt durch eine "Charmeoffensive" in einer Apotheke eine "attraktive Jungunternehmerin".

In Wendungen wie diesen schließt Distelmeyer die Gegenwartssprache mit den rhetorischen Figuren der Antike kurz: "Attraktive Jungunternehmerin", "hübsche Vierundzwanzigjährige", "bodenständige Mittdreißigerin" sind keineswegs "eigenartige Synonyme" (Spiegel), die den Text "geradezu hilflos" (Tagesspiegel) wirken lassen. Vielmehr zitieren sie die epischen Epitheta wie "die blauäugige Athene" oder "der listenreiche Odysseus", die wichtig waren für die antiken Epensänger, die lange Texte aus dem Gedächtnis zitieren, nach den Wünschen des jeweiligen Publikums variieren und dabei das Versmaß des griechischen Epos, das Hexameter einhalten mussten. Die Epitheta sind Textbausteine, die auswendig gelernt wurden und die beim Vortrag als Gedächtnisstütze wie auch zum Bau von Versen benutzt wurden. Sie gehören somit in den Bereich des "Singsangs", des Tons, auf den es Distelmeyer ankommt.

Dass keiner der Artikel zu Otis dieser Ebene und den zahlreichen Hinweisen auf sie nachgehen und dabei die im Roman angeführten Homer-Lektüren rundherum verwerfen, mag damit begründet sein, dass die Sozialisation der Kritiker, die sich mit Distelmeyers Roman befasst haben, sich stärker an der Popkultur als an der klassischen Literatur orientiert hat.

Lektüre unter Zeitdruck

Die fehlende Auseinandersetzung mit den offen zutage liegenden Bezügen ließe sich zudem erklären mit dem Zeitdruck, unter dem die Rezensionen entstanden sind. Sie alle erschienen im Zeitraum von einer Woche um das Erscheinungsdatum des Romans, damit der gängig gewordenen Praxis folgend, wonach es wichtiger ist, möglichst vor allen anderen Medien eine Meinung im Netz oder im Blatt zu einem Buch abzugeben, als eine auf sorgfältiger Lektüre beruhende Beurteilung. Die Eile, mit der die Lektüre von Otis erfolgte, lässt sich ablesen an den Flüchtigkeitsfehlern, die die Artikel enthalten. "Als Tristan mit seiner lebenslustigen Nichte Juliane in die Volksbühne geht, wird das gesamte Stück, das die beiden sehen, beschrieben…", formuliert Diedrich Diederichsen. Bloß heißt das Theater, in das die beiden gehen, "Delphi Theater" (im Tagesspiegel: "Deutsches Theater") und sie sehen lediglich den 1. Akt. Genauso wenig schaut sich Tristan im Fernsehen eine Snooker-Meisterschaft (Süddeutsche Zeitung) an, sondern die­ Übertragung eines legendären Darts-Wettkampfs – eine Anspielung darauf, dass Odysseus die Freier, die seine Frau jahrelang belagert hatten, mit Pfeilen tötet.

Grundsätzlicher Vertrauensverlust

Die Handlung des Romans läuft auf ein großes Fest hinaus, auf dem alle Figuren des Buches anwesend sind – und zu Wort kommen. Insbesondere der Kritiker Lippnitz und der Lyriker Reimar Wellenbrink halten lange Monologe, die sich durch die schon erwähnte verbale Irrfahrt zwischen Unsinn und Erkenntnis auszeichnen. Beide setzen sich mit einem Gedanken auseinander, der bereits vorher im Roman aufgetaucht ist: die These von einem "grundsätzlichen Vertrauensverlust" in die Künste infolge der Anschläge vom 11. September und der Wirtschaftskrisen der letzten Jahre, "dem Zerplatzen der Blasen, spekulativen Hoffnungen und Projektionen, die einer desillusionierenden Einsicht der eigenen Schwäche gewichen waren". Als Tristan Funke diese These von seinem Freund, dem Musiker Ole Seelmann hört, ist er "hin und her gerissen zwischen der Plausibilität der Schilderungen und der möglichen alters- und berufsbedingten Verblendung seines Freundes". Diese Stelle zeigt, wie offen Distelmeyer die Auseinandersetzung mit der Bedeutung von Kunst und Literatur in der Gegenwart anlegt. Es ist bezeichnend, dass keine der Kritiken auf diesen Komplex in Distelmeyers Roman eingeht – weder auf den diagnostizierten Vertrauensverlust noch auf die alters- und berufsbedingten Verblendungen.

Angesichts der Schwundstufen von Literaturkritik, die bei der Rezeption von Distelmeyers Roman sichtbar werden, wird klar: Der viel beklagte Bedeutungsverlust von Literaturkritik ist nicht Ergebnis des Medienwandels, er ist auch selbst verschuldet.