Er war der Sänger der Çukurova. Für Kemal Sadık Gökçeli, der sich später Yaşar Kemal nannte, bildete die Tiefebene zwischen Taurusgebirge, syrischer Grenze und Mittelmeer die Welt der Kindheit. Als er geboren wurde, gab es dort noch Sümpfe und Wälder, Adler und Flamingos. "Die Natur, die Farben, ihre Gerüche machten mich verrückt, brachten mich in eine Art Ekstase", schreibt er seinem französischen Freund, dem Journalisten Alain Bosquet. "Ich sang aus vollem Hals. Das Dorf gab mir auch den Spitznamen 'Kemal der Verrückte'." Eine Begeisterung, die dann später in seinen Romanen und Erzählungen zu eindrücklichen Naturschilderungen führten. Und zu seinem Engagement für den Umweltschutz.

Wann genau Yaşar Kemal geboren wurde, weiß niemand. Seinen Geburtstag bestimmte er aufgrund von Erzählungen und eigenen Berechnungen auf den Herbst 1923. Seine Eltern waren Kurden, die im Ersten Weltkrieg vom Vansee vor den heranrückenden russischen Truppen nach Westen in das Dorf Hermite in die Çukurova geflohen waren. Als er vier war, wurde sein Vater in der Moschee direkt neben ihm erstochen. "Von da an begann ich zu stottern, und bis zum Alter von elf Jahren hatte ich Mühe zu sprechen. Ich stotterte jedoch nicht, wenn ich sang; ich stotterte auch nicht, wenn ich las, als ich später lesen und schreiben lernte."

Also begann er, die Heldenlegenden und Epen der turkmenischen Nomaden, die erst kurz zuvor in Hermite sesshaft geworden waren, zu singen. Mit einem der berühmtesten Barden der Zeit, Aşık Rahmi, hatte er sogar eine Nacht lang einen Sängerwettstreit ausgefochten. Rahmi sagte ihm eine große Karriere voraus und wollte ihn als Lehrling aufnehmen. Aber der junge Yaşar Kemal ging lieber weiter zur Schule.

Weil die Ursprünge seines Erzählens noch im mündlichen Vortrag lagen, repräsentiert Yaşar Kemal die Spanne vom mündlichen Erzähler zum modernen Autor. In den autobiografischen Briefen an Alain Bosquet, die unter dem Titel Der Baum des Narren erschienen sind, beschreibt er, wie schwer es ihm gefallen ist, sich vom mündlichen Vortrag zu lösen. "Der Balladenerzähler trägt mit seiner ganzen Stimme, seinem ganzen Körper vor. Der Schriftsteller ist mit Bleistift und Papier allein."

Beim mündlichen Vortrag sei die Magie des Wortes unmittelbar auf dem Gesicht der Zuhörer zu sehen. Als Schriftsteller dagegen wisse er nicht, wer seine Bücher lese. Aber schon als Kind faszinierten Kemal die Schrift und das Schreiben und er begann, die Legenden, die er sang, aufzuschreiben, um sie nicht zu vergessen. An die Magie des Wortes glaubte er ein Leben lang. "Bei uns sagt man: 'Sofern du ein wenig Honig in deiner Schale hast, finden dich sogar die Bienen aus Bagdad.'"

Der machtlose Heilige

Bekannt wurde Yaşar Kemal mit dem Roman Memed mein Falke. Die Geschichte eines Waisenjungen, der zum Banditen wird, weil ihn ein Großgrundbesitzer daran hindert, ein Mädchen aus seinem Dorf zu heiraten, hatte Kemal während der Arbeit als Reporter für die Istanbuler Tageszeitung Cumhuriyet geschrieben. 1955 auf Türkisch erschienen, machte ihn das Buch über den anatolischen Robin Hood, der den Reichen nimmt und den Armen gibt, über Nacht berühmt. Der Roman wurde in 30 Sprachen übersetzt und Memed in der Türkei zur Legende. So sehr, dass in manchen Dörfern die Leute zu erzählen begannen, sie wären dem Helden aus Kemals Geschichte persönlich begegnet.

Viele der Romane und Erzählungen Yaşar Kemals sind zeitlose Menschheitsgeschichten. In Eisenerde, Kupferhimmel, dem ersten Band der Anatolischen Trilogie, geht es um die Verzweiflung eines Dorfes, das fürchtet, den kalten Winter nicht lebend zu überstehen. Vom Hungertod bedroht, machen sie einen aus ihrer Mitte zum Heiligen. Während die Dorfbewohner sicher sind, dass er ihr Schicksal ändern kann, weiß der vermeintliche Heilige, dass er machtlos ist. Am Ende geht er an seiner Rolle fast zugrunde und flieht aus dem Dorf.