Als 1952 Alfred Anderschs Die Kirschen der Freiheit erschien, war dieser "Bericht" für Heinrich Böll ein "Trompetenstoß in schwüler Stille", für den damals sehr bekannten Kritiker H. G. Brenner gar eine "geladene Pistole". Warum? Weil Andersch darin seine Desertion vom 6. auf den 7. Juni 1944 in der Nähe von Rom zum Höhepunkt einer autobiografischen Selbstbefragung gemacht hatte. Er hatte dazu unter anderem ausführlich Für und Wider des Eidbruchs gegenüber Hitler diskutiert und seine Desertion zu den Amerikanern als "mein kleiner privater 20. Juli" bezeichnet. Zudem hatte er es gewagt, die "sogenannten Kameraden" als unisono Verbohrte mit "Herdeninstinkt" darzustellen.

Alle, Betriebsfreunde wie politische Feinde, haben Anderschs Schilderungen damals als unbedingt autobiografisch gelesen, vom schillernden Lektor Kurt Marek (alias Ceram) bis zum aufrechten Siegfried Lenz. Andersch wurde gefeiert, aber auch als Kameradenschwein und Verräter denunziert.

Doch wie autobiografisch aufrichtig waren Die Kirschen der Freiheit wirklich? War Andersch überhaupt desertiert? Die Frage stellt sich, weil bereits anderes an seinem Bericht sich als unglaubwürdig und geschönt erwiesen hatte. So hatte er etwa nichts zur Scheidung von seiner als jüdisch geltenden ersten Frau im Jahr 1943 geschrieben. W. G. Sebald hatte Andersch schon 1993 verdammt, weil er im bis heute schulnotorischen Roman Sansibar oder der letzte Grund 1957 einen ernstjüngerharten Jungkommunisten, wie er selbst einer gewesen sein wollte, ein "verwöhntes Mädchen aus reichem jüdischen Haus" retten ließ. Während Andersch, so Sebald, selbst seine Frau doch im Stich gelassen habe. Gegenüber den amerikanischen Befragern aber gab Andersch wiederum an, mit einem "Mischling" verheiratet zu sein. Für Sebald ein peinliches "Stück umgeschriebene Lebensgeschichte".

Bekenntnis und Konfession

Andere fragten nach der Stichhaltigkeit der ausgiebig geschilderten Inhaftierung als Jungkommunist im KZ Dachau, die im Laufe von Anderschs späteren Darstellungen immer länger wurde. Recherchen des Historikers Rolf Seubert legten starke Zweifel nahe, dass Andersch jemals dort inhaftiert gewesen ist. Seubert und andere Skeptiker mussten sich dafür als "Literaturpfaffen" und "Gesinnungsästhetiker" beschimpfen lassen. Wiewohl etwa die Fälle von Binjamin Wilkomirski, alias Bruno Dössecker, oder James Frey zeigten, wie sehr es bei Lebensberichten darauf ankommt, dass man als Leser auf nachprüfbare Wirklichkeit vertrauen kann. Zudem hatte Andersch selbst immer auf dem Autobiografischen, auf "Bekenntnis" und "Konfession" von Die Kirschen der Freiheit insistiert.

"Niemals hätte ich den Mut zur Flucht aufgebracht, wenn ich nicht im gleichen Maße, in dem ich mutig war, feige gewesen wäre." – Nun wurde selbst das in Zweifel gezogen. Es gab eine seltsame Diskrepanz zwischen Kirschen der Freiheit und einem aus dem Nachlass publizierten Text von 1945,  Amerikaner – erster Eindruck. Der nämlich schloss unmittelbar an die Situation an, mit der die Darstellung der Desertion endete, jedoch ohne irgendeinen Hinweis auf eine solche. 

Akribische Rekonstruktion

In der neuen Untersuchung Alfred Andersch desertiert. Fahnenflucht und Literatur (1944 – 1952) haben Jörg Döring, Felix Römer und Rolf Seubert nun zahlreiche deutsche und amerikanische Archive zu Rate gezogen. In einem erstaunlich gut geschriebenen Buch liefern sie eine akribische Rekonstruktion von Anderschs Weg als Radfahrsoldat auf dem italienischen Kriegsschauplatz, Informationen über die keineswegs unwichtige Rolle von Radfahrbataillonen, Bildmaterial, heimliche Abhörprotokolle, Selbstauskünfte und Befragungen. Das ergibt einen sehr plastischen Eindruck vom Kriegsausgang und den Folgen, der ganz unabhängig vom konkreten Anlass zu lesen sich unbedingt lohnt.

Moralische Instanz der Bundesrepublik

Vor allem die Recherchen zu Umfang und Risiken von Desertionen bis hin zu den sich erst spät gewandelten Einstellungen der öffentlichen Meinung dazu zeigen, wie virulent dieser Aspekt der Vergangenheit in der Gegenwart noch immer ist.

Im Falle von Andersch aber gibt es keine eindeutige Erkenntnis. Es bleibt unentschieden, ob er schlicht gefangen genommen wurde oder aktiv desertierte. Allen Fakten nach war sein Unternehmen wohl nicht so existentzell riskant, wie er es dargestellt hat. Die Akten belegen jedenfalls, dass er keineswegs der solitäre Einzige war, der zu den Amerikanern gelangte, bevor die eigentlichen Kampfhandlungen einsetzten – allein an jenem Tag waren es mit ihm 16 weitere Kameraden seiner Kompanie.

Demnach war eine unspektakulärere, neutralere Version seiner Darstellung, 1950 unter dem Titel Flucht in Etrurien in der FAZ erschienen, den Realitäten wohl wesentlich näher. Darin wiederum gab es eine melodramatische Episode, in der man um den Kameraden Erich ringt, der dann per Schlangenbiss zum Opfer der Freiheitsüberredung werden wird. In seinem späteren "Bericht" bleibt Andersch schließlich der eine, einsame Selbstentscheider und der eine, einzelne "Fremde" unter all den verblendeten Kameraden – eben der existenzialistische Nonkonformist mit dem Mut zur Feigheit. 

Stigmatisierende Selbstauszeichnung

Warum aber sollte er sich einer Tat bezichtigen, die ihm weithin Verachtung als Feigling, Kameradenschwein und Verräter einbringen musste? Der Siegener Literaturwissenschaftler Jörg Döring meint: Aus Betriebskalkül. Bewunderer wie Verächter damals sahen ihn als den exemplarischen Individualisten, nonkonformistisch und antimilitaristisch. Darin, so argumentiert Döring, ging das Kalkül der stigmatisierenden Selbstauszeichnung auf: Andersch gewann damit den Überbietungswettbewerb mit Hans Werner Richter, dem Herrscher über die Gruppe 47. Denn mit den Kirschen der Freiheit verdrängte er dessen Roman Die Geschlagenen, der seit 1949 die kollegiale Aufmerksamkeit besetzt hatte, jedoch im Feld des Soldatischen und der Kameraden verblieb.

Andersch gelang so der endgültige literarische Durchbruch. Der intellektuell bereits sehr einflussreiche Rundfunkredakteur wurde nun auch im Literarischen zu einer moralischen Instanz der Bundesrepublik.