"Victory, vittoria, victoire", so endet eines der Gedichte aus dem Band Regentonnenvariationen, für den der Lyriker Jan Wagner jetzt mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet worden ist. Allein seine Nominierung war angesichts der traditionellen Vorherrschaft der Prosa, wenngleich vielleicht nicht eine Sensation, so doch immerhin eine Besonderheit. Jenes Gedicht, das mit dem dreifachen Ausruf des Sieges endet, spiegelt allerdings nicht den Jubelruf des Lyrikers, der sich gegen die Übermacht der Prosa durchgesetzt hat. Im Gegenteil: Wer hier ein "beharrlich sanfte(s) V" in die sizilianische Bergluft hält, sind die drei Esel, über die das Gedicht erzählt. drei esel, sizilien lautet sein lakonischer Titel.

Auch noch Naturgedichte! Ja. Aber was für welche. Das Gedicht über die Esel ist symptomatisch für Wagners poetische Weltbetrachtung. Die Esel sollen ans Gatter gelockt werden, so gern will man sie am weichen Maul kraulen. Aber sosehr der Besucher am Gatter auch schmeicheln mag und sosehr er sich derweil verliebt in das idyllische Gemälde einer Landschaft, das er da gerade betrachtet und in das er zu gern hineinschlüpfen würde – die Esel bleiben unberührt und stumm. Rühren sich nicht von der Stelle. Etwas verzagt ob seiner missglückten Streichelversuche verlässt der Gast schließlich den Ort des Geschehens und sieht im Autospiegel eben jenes Victory-Zeichen, das die Eselohren formen.

Diese Pointe am Ende dieses Gedichts ist mehr als ein schneller Witz. Es ist das Grundprinzip, das Wagners Gedichten zugrunde liegt. Immerzu ist es die Natur, die auf eine nie aggressive, sondern immer vollends selbstverständliche Weise dem Menschen seine Grenzen aufzeigt. Der Gärtner kann noch so viel schneiden und bändigen, der Giersch – eine gewöhnliche Unkrautpflanze – fleucht und wächst, wie es ihm gefällt, und überwuchert bald den ganzen Garten. So geschieht es im grandiosen Auftaktgedicht von Wagners Regentonnenvariationen

Am Ende kommt die Natur zurück

Und ebenso wie der Giersch durch den Garten randaliert und zu seinem Recht kommt, sprießt immer wieder erhellende Gegenwartsanalyse aus Wagners Gedichten, ohne dass sie dem Leser aufdringlich oder gar moralinsauer unter die Nase gerieben würde: Wir können noch so mit den Mitteln der Rationalität unsere Oberflächen zurechtstutzen, wir können alles strukturieren und geradebiegen – am Ende bricht sich die Natur ihren Weg. Und wir können nur stumm erstaunt zuschauen. Der spöttische Blick, den wir dabei zu spüren meinen, kommt nicht von der Natur selbst, sondern ist allenfalls unsere eigene, gerade kräftig ins Stolpern geratene Hybris, die auf uns zurückgespiegelt wird.

Was aber die Kunst von Jan Wagner ausmacht und was ihn zu einem nicht nur der virtuosesten, sondern gleichermaßen auch zu einem der bescheidensten zeitgenössischen Lyriker macht: Er ist jemand, der die klassischen poetischen Formen wie wenige andere beherrscht, der sich aber auch nicht scheut, diesen mit einer gewissen Ironie zu begegnen. Und so vollziehen die Gedichte, was sie inhaltlich transportieren, auch auf formaler Ebene nach. 

Das Auftaktgedicht Der Giersch etwa kommt als klassisches Sonett daher, eine Form, die traditionell die harmonische Versöhnung des vermeintlich Gegensätzlichen vollführt. Mithin: Nicht nur die Beherrschung der Welt durch den Menschen, sondern vor allem auch der Beherrschung des Stoffes durch den Dichter. Bei Wagner aber passiert genau das Gegenteil. Während äußerlich die Form gewahrt bleibt, tobt der Giersch im Inneren der Zeilen, überlagert die Sprache, plötzlich ist vor lauter "schier", "sprießt", "schiebt", "kirsche", "kies" nichts mehr zu hören als lauter: Giersch.

Der Dichter, den wir hier getrost als Stellvertreter für uns alle nehmen können, kann gerade eben noch so die Contenance bewahren. Eigentlich ist er längst auf verlorenem Posten.