Der Mensch ist ein Mängelwesen. Eine biologische Niete, die in der Natur mittelfristig nicht überleben könnte. Der Soziologe Arnold Gehlen hat diese These einst popularisiert, und wer sie nicht glaubt, kann ja versuchen, barfuß im Winter zu spazieren oder gegen einen Braunbären im Nahkampf zu bestehen. Allerdings hat sich der Mensch eine zweite Natur erschaffen, um sich als Krone der Schöpfung zu fühlen. So kam die Technisierung ins Spiel. Doch durch sie sind neue Probleme entstanden. Der Philosoph Günther Anders wies einmal darauf hin, dass der Mensch Gefahr laufe, so zum zivilisatorischen Auslaufmodell zu werden. Die Technisierung der Lebenswelt könne eine Dynamik entfalten, die uns zu Sklaven des Fortschritts macht. Der Mensch wird zum Objekt der Maschine, zur evolutionären Antiquität.

Die Frage nach der menschlichen Mangelhaftigkeit steht heute nun wieder im Zentrum vieler Zukunftsdiskurse. Einerseits zeigen sich die katastrophalen Folgen des Klimawandels, andererseits offenbart sich ein kollektiver Stressmix aus Depression, Vereinzelung und Reizüberflutung. Darauf gibt es zwei Antworten.

Die erste ist eine Art Zukunftsfatalismus, der besagt, dass die Weltverhältnisse abgerüstet werden müssen: Entschleunigung der Lebensumstände, Konservierung der Natur, Rückbesinnung auf die sogenannte Humanität. Die Revolution, das wäre in dieser Lesart, wie einst Walter Benjamin bemerkte, nicht die Lokomotive der Geschichte, sondern ihre Bremse. Die zweite ist hingegen eine Art Zukunftsfanatismus, der, wie wir aus dem Silicon Valley hören, besagt, dass nicht die Welt ab-, sondern das Individuum aufgerüstet werden muss. Das Subjekt bedürfe nur einer transhumanistischen Beschleunigung, dann könne es auch wieder mit den Verhältnisse mithalten. Die Revolution, das wäre aus dieser Sicht der konsequente Kurzschluss von Mensch und Maschine.

Dass letzteres sich womöglich als äußerst dialektisches Unterfangen offenbart, legt traditioneller Weise ein Blick auf das Science-Fiction-Genre nahe. Denn allzu oft – man denke etwa an Aldous Huxleys Brave New World, The Matrix oder auchDave Eggers The Circle – findet sich dabei ein ähnliches Szenario. Dank eines elitären Techno-Utopismus entsteht eine Vernunftgesellschaft, die jedoch alsbald in radikaler Entmenschlichung mündet. Das Bestreben, die Mängel des Menschen zu beseitigen, endet im Totalitären, das den Kern unserer Existenz – Freiheit, Liebe und Kreativität – zu Gunsten hyperharmonischer Pseudostabilität auslöscht.

Friede überall

Mit Leif Randts neuem Roman Planet Magnon ist nun ein fulminantes Buch erschienen, das sich just in diese Erzähltradition einreiht. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern wie Brave New World ist es jedoch in weiten Strecken wesentlich ambivalenter und deshalb klüger. Der 1983 geborene Autor liefert hier nicht nur eine äußerst clever konstruierte Sci-Fi-Geschichte, sondern auch einen überaus hellsichtigen Ideenroman, der nach dem Wert des menschlichen Makels fragt.

Wir befinden uns in Planet Magnon im Jahr 48. n. AS, also knapp fünf Jahrzehnte nach der Einführung von ActualSanity. ActualSanity ist ein auf einem Shuttle installiertes, weit über den Himmelskörpern schwebendes Computersystem, das den Maschinenraum der neuen Gesellschaft bildet. Als eine Art algorithmischer Weltgeist verteilt die AS Finanzmittel nach einem "Fairness-Schlüssel" oder sorgt dafür, dass Straßen repariert und Häuser gebaut werden. Unauffällig leitet sie die Geschicke der Menschen und beweist schnelle Lernfähigkeit. Denn die AS passt "ihre Gesetzestexte auf Grundlage statistischer Auswertungen immer präziser und unmittelbarer an die sich stets erneuernden Verhältnisse an." "Fakt ist", schreibt Randt, "dass die AS keine eigenmächtigen Entscheidungen treffen kann, sie ist abhängig von unseren Handlungen, Diskursen und Wünschen."

"O, wonder!/ How many goodly creatures are there here!/ How beauteous mankind is! O brave new world/ That has such people in't!", heißt es im fünften Akt von Shakespeares Der Sturm. Jene Verse, die Huxley zu dem Namen seines Roman inspirierten, gelten zunächst auch für Planet Magnon. Denn brave, was zu Shakespeares Zeiten noch "schön" bedeutete, heute jedoch "tapfer" meint, sind auch die Menschen auf den Planeten Blossom, Blink, Cromit, Sega und Snoop. Herrschte vor der Einführung von AcutalSanity noch Gewalt, Chaos und Verteilungskampf, ist die Welt mittlerweile ökonomisch und militärisch befriedet. In der interstellaren Gemeinschaft, die keine Staatsgrenzen mehr kennt, organisieren sich die meisten Menschen nun in Kollektiven, die sich etwa Kelly, Zelda, Volta, Post-Volta oder Fuel nennen.

Würdevolle Schamlosigkeit

Im Zentrum des Plots steht dabei Marten Eliot, der zusammen mit seiner Kollegin Emma Glendale die Dolfins, eines der wichtigsten Kollektive, repräsentiert. Als Anhänger der "PostpragmaticJoy-Theorie", einem Ensemble von Techniken und Strategien zur ambivalenten Persönlichkeitsentwicklung, sind sie in hohem Maße emphatisch und unterkühlt zugleich. Die Dolfins forcieren einen Zustand, in dem "Rauscherfahrung und Nüchternheit, Selbst-und Fremdbeobachtung, Pflichterfüllung und Zerstreuung ihre scheinbare Widersprüchlichkeit überwinden." Und dies geschieht beispielsweise durch sogenannte "Celius-Übungen", einer Art Meditation, mittels derer man in einen psychischen Zwischenzustand eintritt, "der gemäß dem postpragmatischen Schwebeideal nie abschließend zu definieren ist."

Darüber hinaus gibt es in diesem Kollektiv ein Bewusstseinsdoping. Etwa in Form von "Klimatabletten" oder "Serolin", einer Substanz, die Menschen in einen Zustand "frühkindlichen Wohlbefindens" versetzt. Ganz neu im pharmazeutischen Portfolio der Dolfins ist zudem Magnon. Die kupferfarbene Flüssigkeit, deren Bezeichnung von Randt ganz offensichtlich an jenen gleichnamigen Begriff aus der Quantenphysik angelehnt wurde, welcher einen kollektiven Anregungszustand eines magnetischen Systems bezeichnet, erzeugt den Effekt einer "sphärischen Versachlichung". Magnon ruft eine "Metaeuphorie" hervor, die zu einer "Vogelperspektivierung" und einer "würdevollen Schamlosigkeit" führt.