Am Mittwochabend, vor dem Gewandhaus. Das gibt es noch: eine Anti-AKW-Demo, mit Transparenten und Fahnen. Es ist der Jahrestag von Fukushima. Auf dem kalten Boden liegen Menschen und stellen sich tot. Durch ein Megafon liest einer die Chronologie des Unglückstages vor. Das Gewandhausorchester spielt Wagners Meistersinger-Ouvertüre. Der Ministerpräsident, dessen Bundesland nicht zum Islam gehören will, begrüßt freundlich. Kein Wort zur aktuellen politischen Lage. Mircea Cărtărescu, der Träger des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung, liest seine Rede auf Rumänisch vor. Das klingt sehr schön. Uwe Tellkamp, der Laudator, versucht zumindest einen Schritt in die Gegenwart: Die Konflikte in Griechenland und in der Ukraine, sagt er, rührten von alten Bekannten her: "Planwirtschaft mit ihren Auswüchsen, Nationalismus (der sich mit dem Sozialismus glänzend vertrug), Missachtung demokratischer Prinzipien, Kontroll- und Normierungswahn."

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Auf jeder Taxifahrt das selbe Gesprächsthema mit dem Taxifahrer: der Mindestlohn. 25 Prozent Aufschlag im Vergleich zum Vorjahr. "Da haben die sich selbst ins Knie geschossen", sagt einer. "Da gebe ich einen Scheißdreck drauf", sagt ein anderer. "Ich bekomme kein Trinkgeld mehr seitdem", sagt ein Dritter. Auch die Wiener Würstchen im Pressecafé sind um ein Drittel teurer geworden, werden dafür aber nur noch halb so schnell serviert. Mindestlohn? Und dann der Taxifahrer in später Nacht: Seit 1977 sei er Fernfahrer gewesen; vor zwei Jahren sei seine Frau gestorben; die Kinder wollten nichts mehr von ihm wissen. "Mein Leben ist gelebt; im Grunde könnten die mir jetzt eine Spritze geben." Er bleibt noch lange vor dem Hotel stehen, auch nachdem sein Fahrgast ausgestiegen ist. Als suchte er noch jemanden zum Weiterreden.

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Im Presseraum zwei Jungjournalistinnen.

- "Wir kennen uns doch vom Volontärstreffen. Genau."
- "Ja, genau, ich mache hier was fürs Radio über diese neuen Kochbücher, genau."
-"Ach, genau, dann sehen wir uns doch bestimmt noch mal."
- "Genau."

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Ja, ist klar: Diese jungen Menschen in ihren Mangakostümen, fabelhaft. Haben eine ganze Messehalle für sich. Dieses Engagement, diese Hingabe zur Sache. Man muss sich da reindenken, ein ganz eigener Kosmos. Eine Verkleidung, in wochenlanger, liebevoller Arbeit hergestellt, oft mithilfe der Eltern.

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Den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik gewinnt Jan Wagner, ein Lyriker. Das ist nicht so wahnsinnig sensationell, wie manche behaupten, aber trotzdem vielleicht keine schlechte Idee. Der scheidende Juryvorsitzende Hubert Winkels teilt in seiner Rede noch einen Seitenhieb auf Jörg Sundermeier, den Verleger des Verbrecher Verlages, aus. Auch das ist eine gute Idee. Sundermeier hatte der Literaturkritik zunehmende Unfähigkeit vorgeworfen. Begründet hatte er das nicht, aber ein bisschen Krawall kommt ja immer gut an. Später kommentiert eine prominente österreichische Literaturkritikerin in gewohnt maliziöser Eleganz, die Jury habe sich nun eben für ihren Mut selbst feiern müssen und gar keine andere Chance gehabt, als Wagner auszuzeichnen. Ja, und?

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Und jedes Jahr wieder diese zumeist älteren Menschen mit sehr großen Rucksäcken, die ohne Vorwarnung und auch ohne ersichtlichen Grund mitten im Messegang abrupt stehenbleiben.

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Das große Abendessen des C.H. Beck Verlages. Der neue Verleger Jonathan Beck, der die Verlagsleitung von seinem Vater übernommen hat, hält eine sympathische, beinahe schüchterne Ansprache. Norbert Scheuer, der den großartigen Roman Die Sprache der Vögel veröffentlicht hat, überreicht seinem Lektor ein gerahmtes Vogelaquarell. Es ist so wie jedes Jahr: Alle anwesenden Autoren werden von ihren Lektoren ausführlich vorgestellt und gewürdigt. Vorher gibt es nichts zu Essen. Wie üblich kommt unter den Gästen leises Murren auf. Warum eigentlich? Wir sind auf einer Buchmesse. Ein Verlag lädt zum Essen ein. Wer das ohne Autoren haben will, kann sich ja eine Pizza aufs Hotelzimmer kommen lassen. Vor dem Hauptgang (Hirschrücken) ein 30-minütiger Vortrag des Historikers Heinrich August Winkler über westliche Werte. Er spricht von einem "Epochenjahr 2014" und, angesichts der russischen Ukraine-Politik, vom "Abschied der westlichen Demokratien vom Gedanken, ihr Projekt auszuweiten." Anschließend applaudiert sogar Gabriele Krone-Schmalz. Ihr Buch Russland verstehen ist ebenfalls bei Beck erschienen. Hat dem Verlagskonto nicht geschadet.

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Was macht eigentlich das E-Book?