Wie erzähle ich meine Geschichte? Diese Frage scheint auch im Jahr 2015 immer noch genug Autoren umzutreiben, schließlich ist die Romanproduktion trotz aller Hiobsmeldungen in Buchhandel und Verlagswesen gleichbleibend hoch. So erscheinen in zuverlässiger Abfolge Halbjahr für Halbjahr Debüts von Autoren, vielleicht mit Hildesheim- oder Leipzig-Schreibschulhintergrund, vielleicht auch nicht – jedenfalls bringen alle von ihnen eine Geschichte mit, haben etwas zu erzählen.

Die Art und Weise, wie erzählt wird, spielt allerdings zumindest bei diesem Roman eine ebenso entscheidende Rolle, so fragmentiert, rasant und vielstimmig ist er geschrieben. Sandra Gugić, 1976 in Wien geboren, hat ihn schlicht Astronauten genannt.

Gugić hat in Leipzig das Schreiben studiert, aber auch Sprachkunst an der Akademie für Angewandte Kunst in Wien und lebt nun in Berlin, wo sie im Jahr 2012 beim Literaturwettbewerb Open Mike den Hauptpreis für Prosa gewann. Damals noch mit einem Text, in dem eine namenlose Frau zum Zeitvertreib Apartments besichtigt, nonchalanten Sex hat, aber sonst eigentlich nicht viel passiert. Die Laudatorin Silke Scheuermann lobte den genau kalkulierenden Blick, die Variation als Prinzip der Erzählung.

Ein bisschen etwas davon findet man auch in Sandra Gugićs Debütroman wieder. Über fehlende Komplexität oder Langeweile kann hier jedenfalls nicht geklagt werden: Die sechs Hauptfiguren in Astronauten erzählen im schnellen Wechsel ihre Geschichten, die Jungs Darko und Zeno, der frustrierte Taxifahrer Alen, die manisch-depressive Mara, ein desillusionierter Polizist und ein Junkie aus gutem Hause. Alles dreht sich um das Leben in der Großstadt, durchwachte Nächte und bleierne Tage, den Rausch und den Kater, den harten Alltag, Einsamkeit, Sex und Mitleid, wie Helmut Krausser sagen würde.

"Hier kann mir nichts passieren"

Trotzdem ist Astronauten alles andere als schnell konsumierbare Großstadtprosa: Mit sicherer Hand arrangiert Sandra Gugić die knapp 200 Seiten ihres Textes nach Short-Cuts-Manier zu bisweilen thrillerhaft-spannenden, schlaglichtartigen Szenen, die immer gerade so viel verraten, wie es für die Fortführung der Handlung ausreicht.

Blende auf: Ein heißer Sommer im Stadtpark, Darko und Zeno langweilen sich. Es ist der Anfang der Sommerferien, die aber nur wenig Abwechslung in die Monotonie des Alltags der beiden jungen Männer bringen. Darko, nachdenklich, und Zeno, aufgekratzt und unternehmungslustig, bilden ein ungleiches Paar; was sie verbindet, sind Zenos Projekte, das heißt: Waschpulver in Springbrunnen schütten oder Briefkästen sprengen.

Um sich mit der Szenerie vertraut zu machen, bleibt nicht viel Zeit, denn schon kommt der erste Schnitt: Jetzt steht alleine Zeno im Mittelpunkt, der zum Zeitvertreib mit dem Luftgewehr Eichhörnchen abschießt und dabei seinen Gedanken freien Lauf lässt: "Das Gewehr anlegen und warten. Ganze Tage hab ich genau so, aufm Dorfplatz, oben aufm Baum, dort, ganz oben in der Krone, aufrecht, ich, der Feldherr, der über das Schlachtfeld schaut, die Hand an die Stirn, so, konzentriert, total ernst, nichts ist mir entgangen und unten alle so peng peng peng peng peng". Unversehens haben Ton, Perspektive und Ort gewechselt, und man ist im Kopf eines Möchtegern-Psychokillers gelandet.

So arbeitet dieser Roman: Statt eines allwissenden Erzähler sind es in diesem Roman die Figuren selbst, die, wie ihrerseits vor eine Kamera gestellt, ihre Sicht auf das Geschehen wiedergeben. Auf diese Weise setzt sich nach und nach eine filigran verbundene Handlung vor dem Auge des Lesers zusammen: Zeno, der Außenseiter, der einen ständigen inneren Monolog in seinem Kopf abspult, hat mit seinem Luftgewehr einen Golfer im Park erwischt und muss nun verschwinden. Um ihn herum zieht er alle restlichen Figuren in seine Geschichte mit hinein.

Aber auch diese haben ihre eigenen Probleme zu bewältigen, und so könnte man Astronauten auch wie viele kleine Romane in einem lesen. Etwa wenn es um Darkos Vater Alen geht, den Taxifahrer, der mit aller Kraft versucht, nicht noch den letzten Kontakt zu seinem Sohn zu verlieren und ihn deswegen bei sich einziehen lässt. Er führt ein Tagebuch, dem Sandra Gugić den von Jörg Fausers Reportageband entliehenen Titel Gesegnete Wirklichkeit gegeben hat. Seine Einsamkeit wird besonders dann spürbar, wenn er nach seinen Taxitouren in seine Hinterhofwohnung über einem vietnamesischen Imbiss zurückkehrt: "Hier drinnen kann mir nichts passieren. Ich zähle die Seiten, fange von vorne an, bringe alles in eine neue Ordnung, bis ich nicht mehr weiß, wo ich angefangen habe und warum. Wenn ich es aufschreiben kann, könnte ich vielleicht etwas Grundsätzliches verstehen, die Gegenwart übersetzen."