In den vergangenen knapp zehn Jahren hat der gerade 31-Jährige Bastien Vivès sehr viel veröffentlicht. Die Spanne reicht von zart-erotischen Liebesgeschichten (Der Geschmack von Chlor, In meinen Augen) über humoristische Alltagsbetrachtungen (Die Liebe) bis zu Abenteuern in einer eher alptraumhaften Antike (Für das Imperium). In stofflicher Hinsicht sind diese Titel recht unterschiedlich, eines verbindet sie aber alle: ihre ungewöhnlich hohe Qualität. Ein etwas schwächerer Comic von Vivès liegt immer noch weit über dem Durchschnitt, und die wichtigsten seiner Arbeiten sind schlichtweg sensationell.

Nun hat Vivès wieder etwas Neues ausprobiert. Die Hauptfigur von Lastman ist Adrian, ein zwölf Jahre alter Junge, der in einer mittelalterlichen Fantasy-Welt lebt und eine Martial-Arts-Schule besucht. Nach langem, hartem Training darf er zum ersten Mal an dem großen Turnier, das der Königshof jährlich ausrichtet, teilnehmen. Adrian freut sich schrecklich darauf – obwohl Vlad, der Eleve, den man ihm als Partner zugeteilt hat, wenig begabt und zudem unzuverlässig ist. Als jener prompt krank wird, sieht es so aus, als würde Adrian nur Zuschauer sein können. Da aber taucht aus dem Nichts Richard Aldana aus, ein riesenhafter Fremder, der das Turnier unbedingt gewinnen will und dafür bereit ist, jeden Mitkämpfer zu akzeptieren.

In Lastman hat Vivès zunächst einmal den Nerd, der in ihm steckt, lustvoll von der Leine gelassen. Der Comic ist vollgestopft mit Referenzen. Mit seinem dichten, struppigen Haar, seinen Koteletten und einem Seesack über der Schulter erinnert an Aldana an Corto Maltese; sein massiver, übertrieben athletischer Körperbau lässt an Pulp-Helden wie Doc Savage und Tom Strong denken. Zwei bösartige Brüder, gegen die er antritt, sind Doppelgänger des Jokers, des ewigen Erzfeindes von Batman; die alleinerziehende Mutter von Adrian dagegen heißt nicht nur Marianne, sondern schaut auch aus wie das französische Nationalsymbol.

Burleske Tragikomik

Den stärksten Einfluss auf Lastman haben aber Mangas und Animes ausgeübt: Das Leitmotiv des Turniers findet sich schon in Dragon Ball und bei Pokemon. Die Hommage reicht bis in die Gestaltung des Bandes: Die ersten Seiten sind –  wie in Japan mitunter üblich – farbig, alle übrigen in Schwarzweiß, und am Ende gibt es ein lustiges Making-of sowie eine Handvoll Sticker.

Ist Lastman also nur ein Puzzle aus Zitaten und Anspielungen? Nein, keineswegs. Das zeigt sich schon an den Figuren. Vivès geht von vertrauten Mustern – um nicht zu sagen: von Klischees – aus und schafft es, diese mit nur ein paar kleinen Veränderungen wieder attraktiv zu machen. Aldana ist einerseits der coole, hypervirile Einzelgänger, der nur bereit ist, nach den eigenen Regeln zu spielen. Andererseits verhält er sich gelegentlich in peinlicher Weise prollig, tölpelhaft und schaut dann recht dumm drein.

Ähnlich verhält es sich mit Adrian. Er ist klein, schmächtig wie ein Grundschüler und weiß nicht so recht, ob er Mädchen hinterherschauen oder lieber noch an Mamas Rockzipfel hängen soll. Das aus Herr der Ringe übernommene Prinzip des körperlich unterlegenen Helden ist hier in fast ironischer Weise auf die Spitze getrieben. Für burlesk-rührende Tragikomik sorgt Meister Jansen, der Leiter der Kampfschule. Der ältere Herr ist unglücklich in Marianne verliebt und verliert, als er ihr heulend, schluchzend seine Leidenschaft gesteht, all die steife Würde, mit der er sich sonst wappnet.