In Deutschland und darüber hinaus beklagen Freunde, Wegbegleiter und Anhänger den Verlust des Literaturnobelpreisträgers Günter Grass. Der in Danzig geborene Autor, Maler, Grafiker und Bildhauer war am Morgen im Alter von 87 Jahren in einer Lübecker Klinik gestorben.  

  • Lübecks Bürgermeister Bernd Saxe (SPD): "Das ist ein schwerer Verlust für Lübeck, aber auch für die deutsche und die internationale Literatur. Mein tief empfundenes Mitgefühl gilt seiner Ehefrau und seiner Familie."
  • Der Leiter des Lübecker Günter-Grass-Hauses, Jörg-Philipp Thomsa: "Wir sind dankbar für die vielen Erlebnisse, die wir mit ihm teilen durften."

Geprägt hatte Grass die Welt mit einer Vielzahl von Erzählungen und Gedichten, berühmt geworden war er mit seinem Erstlingsroman Die Blechtrommel. Literaten, Theaterschaffende und andere Künstler trauern: 

  • Klaus Staeck, Präsident der Berliner Akademie der Künste: "Mit Günter Grass verliert die Welt der Literatur einen wortmächtigen Autor und unsere Republik einen ihrer streitbarsten Mitbürger. Wenn er die Demokratie in Gefahr sah, ging er keiner notwendigen Auseinandersetzung aus dem Wege." 
  • PEN-Präsident, Schriftsteller und Politologe Johano Strasser: "Ich habe ihn als guten und mutigen Freund erlebt."
  • Börsenvereins des Deutschen Buchhandels: Er sei "einer der bedeutendsten Schriftsteller des Landes und zugleich ein politisch streitbarer Geist" gewesen.
  • Der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Heinrich Detering: "Wir alle wissen, dass er eine große Freude daran hatte, gezielt zu provozieren. Aber er wollte immer Diskussionen anstoßen, nicht abschließen." Grass sei zuletzt zu sehr politisch wahrgenommen worden und zu wenig als Künstler.
  • Der ungarische Literaturnobelpreisträger Imre Kertész: "Wir haben uns nicht mit demselben Thema beschäftigt, aber wir waren Freunde und haben uns gegenseitig geschätzt."
  • Die österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek: Die Blechtrommel sei wegweisend für sie gewesen. "Ich glaube, damals, schon auf den ersten Seiten des Romans, habe ich eine Ahnung davon bekommen, daß ich einmal Schriftstellerin werden könnte."
  • Schriftsteller Salman Rushdie: "Das ist sehr traurig. Ein wahrer Gigant, eine Inspiration, ein Freund"
  • Blechtrommel-Regisseur Volker Schlöndorff: "Die Schreibmaschine war seine Blechtrommel. Er wusste sie zu nutzen."
  • Der Regisseur Jürgen Flimm: "Es geht auch eine polemische Stimme verloren, die überspitzen konnte, sehr oft zum Ärgernis einiger Menschen. Ich werde vor allem seine Freundschaft und seine raue Aussprache vermissen."
  • Der Intendant des Hamburger Thalia Theaters, Joachim Lux: "Mit dem Tod von Siegfried Lenz und Günter Grass innerhalb kurzer Zeit geht eine ganze Epoche endgültig zu Ende – literarisch und auch politisch. Die letzten Zeitzeugen verstummen – siebzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs." Die Romane Deutschstunde und Blechtrommel waren in dem Theater uraufgeführt worden.
  • Regisseur Luk Perceval, der Die Blechtrommel  inszenierte: "Für die Leute, die von Außen auf Deutschland sehen, ist Günter Grass sicherlich einer der Leuchttürme."
  • Der polnische Schriftsteller Stefan Chwin: "Er war der Schriftsteller einer Stadt, in der deutsche und polnische Traditionen bestanden und einander nahe waren. Mein Eindruck ist, dass das große Werk von Grass der Mythos der freien Stadt Danzig ist."

Grass war auch politisch tätig, er engagierte sich in der SPD und unterstützte den Wahlkampf von Willy Brandt. Später trat er aus der Partei aus, meldete sich aber stets zu aktuellen Themen zu Wort. Vertreter der SPD und anderer Parteien äußerten sich betroffen: 

  • Bundespräsident Joachim Gauck: Grass sei zeitlebens ein eigenwilliger politischer Geist gewesen, der Auseinandersetzungen und Kritik nicht fürchtete und politische Debatten über Jahrzehnte wesentlich beeinflusste. "Sein Werk ist ein beeindruckender Spiegel unseres Landes und ein bleibender Teil seines literarischen und künstlerischen Erbes."
  • Bundestagspräsident Norbert Lammert: "Mit Günter Grass verlieren wir nicht nur einen der bedeutendsten Literaten deutscher Sprache, sondern auch einen engagierten Staatsbürger, der immer wieder öffentlich Stellung bezogen hat. Er scheute keine noch so heftige Kontroverse, im Gegenteil, er suchte sie, wo er sie für notwendig erachtete."
  • Bundeskanzlerin Angela Merkel: "Mit dem Tod von Günter Grass verliert die Bundesrepublik Deutschland einen Künstler, von dem ich mit tiefem Respekt Abschied nehme."
  • Kulturstaatsministerin Monika Grütters: "Sein literarisches Vermächtnis wird neben dem von Goethe stehen."
  • SPD-Chef Sigmar Gabriel: "Mit ihm verlieren wir einen der bedeutendsten Schriftsteller der deutschen Nachkriegsgeschichte und einen engagierten Autor und Kämpfer für Demokratie und Frieden." Grass könne als ein öffentlicher Intellektueller auf ein literarisch und politisch einzigartiges Leben zurückblicken. "Ohne seine mahnende Stimme für mehr Toleranz, seinen Willen zur Einmischung und seine regelmäßigen politischen Interventionen wäre unser Land ärmer. Die SPD verneigt sich vor Günter Grass."
  • Außenminister Frank-Walter Steinmeier: Er sei "tief bestürzt". Grass sei ein großer Bürger und Sohn der Stadt Lübeck. 
  • Bundesjustizminister Heiko Maas: "Der Schriftsteller als Zeitgenosse, wie ich ihn meine, wird immer verquer zum Zeitgeist liegen."
  • Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz: Hamburg verliere "einen homo politicus allerersten Rangs".
  • CDU-Vizechefin Julia Klöckner: "Werde ihn als streitbaren und für Deutschland wertvollen Autoren in Erinnerung behalten."
  • Linksfraktionschef Gregor Gysi: "Nun ist seine Stimme verstummt. Er wird uns fehlen."
  • Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt: "Literaturnobelpreisträger, großer Autor, kritischer Geist. Ein Zeitgenosse mit dem Anspruch, verquer zum Zeitgeist zu liegen."
  • FDP-Chef Christian Lindner: "Günter Grass war ein streitbarer Intellektueller – sein literarisches Werk bleibt überragend." 
  • Wolfgang Kubicki, FDP-Fraktionschef in Landtag von Schleswig-Holstein: "Mit Günter Grass ist einer der größten und zugleich streitbarsten Schriftsteller der deutschen Nachkriegsgeschichte von uns gegangen."

Umstritten blieb ein Grass-Gedicht von 2012, in dem er Israel kritisierte. Große Diskussion löste 2006 auch sein spätes Bekenntnis aus, er sei Mitglied der Waffen-SS gewesen.  

  • Der israelische Historiker Moshe Zimmermann: Mit seiner Israelkritik habe Grass eine rote Linie überschritten. Viele Israelis, die seine Bücher sehr schätzten, hätten sich dadurch verletzt gefühlt. Grass habe als Deutscher, der während der Naziherrschaft lebte, nicht als objektiver Kritiker auftreten können. "Er konnte dies nicht mit sauberen Händen tun", sagte Zimmermann. "Seine Hände waren schmutzig."
  • Herzl Chakak, Vorsitzender des Verbands hebräischsprachiger Schriftsteller in Israel: "Bis zu seinem Tod hat Günter Grass keine Reue über seine harten anti-israelischen Äußerungen gezeigt." Mit seinem israel-kritischen Gedicht habe er einen "modernen Kreuzzug" gegen den jüdischen Staat geführt. Als Deutscher hätte er "dazu aufrufen müssen, einen neuen Holocaust des jüdischen Volkes zu verhindern".

Israel hatte Grass 2012 zur Persona non grata erklärt und ein Einreiseverbot gegen ihn verhängt. Damit reagierte der jüdische Staat auf seinen Vorwurf, die Atommacht Israel gefährde den Weltfrieden und könne den Iran mit einem Erstschlag auslöschen.

Einen Nachruf auf Günter Grass lesen Sie hier.