An einem düsteren Novembertag im Jahr 1958 ging im Gasthof Adler in Großholzleute bei Isny im Allgäu für die deutsche Literatur die Nachkriegszeit zu Ende. Man wusste bei der Gruppe 47 genau, wogegen man war: gegen die Restauration in der Adenauerzeit, gegen die alte, schwülstig-pathetische Literatur, die durch den Nationalsozialismus endgültig vergiftet worden war. Man konnte aber nicht so genau fassen, was man stattdessen wollte.  Man wollte irgendwie die Moderne. Aber man wusste nicht, was das eigentlich war. 

Es muss ein ungeheurer Moment gewesen sein, als dann ein junger bärtiger Bildhauer aus Paris auftrat, dem der Gruppenchef Hans Werner Richter kurz zuvor zunächst noch den Eintritt verweigert hatte, weil er ihn für einen Landstreicher hielt. Nach zwei, drei Minuten war den Anwesenden klar: hier war sie, die junge Literatur, nach der man so verzweifelt gesucht hatte. Die Blechtrommel von Günter Grass wirbelte den Mief der Adenauerzeit auf und pustete ihn weg – jene stickige Luft der alten Nazis und des trotzigen Deutschtums, die es damals unzweifelhaft gab und die man sich mittlerweile kaum mehr vorstellen kann.

Auf Grass, 1927 in Danzig-Langfuhr als Sohn eines Kolonialwarenhändlers geboren, war  keiner im bundesdeutschen Literaturbetrieb vorbereitet. Als mittelloser Steinmetzlehrling in Düsseldorf und gelegentlicher Waschbrettspieler Posaunist in einer Jazzcombo trampte er schon Anfang der fünfziger Jahre durch Europa, und die Atmosphäre der drei Jahre, die er von 1956 bis 1959 in Paris verbrachte, hat er später des Öfteren eindringlich beschworen: die feuchte Kellerwohnung an der Place d’Italie, das Manuskriptkonvolut der Blechtrommel, das zwischen dem Wechseln der Windeln der rasch hintereinander geborenen Kinder und gelegentlich einer Flasche Schnaps, zum Beispiel mit Paul Celan, rasch anwuchs.

Die lustvolle, exzessive Sprachgewalt in seiner Prosa, das Wühlen zwischen Schweinskopfsülzen, Aalgeschlängel und Geschlechtsorganen, das ein ungestümes und deftig-sinnliches Temperament verrät – im Jahr 1958 wirkte das wie eine Befreiung.

Und das umso mehr, weil es offizielle Stellen als Provokation verstanden. Günter Blöcker gab in seiner Rezension in der FAZ den Ton vor: "Die Lektüre dieses Romans ist ein peinliches Vergnügen, sofern es überhaupt eines ist. Was Grass schildert und wie er es schildert, fällt nur zum Teil auf die Sache, zum andern Teil auf den Autor selbst zurück. Es kompromittiert nachhaltig nicht nur sie, sondern auch ihn – so stark und unverkennbar ist das Behagen des Erzählers an dem, was er verächtlich macht, so penetrant die artistische Genüsslichkeit, mit der er ins Detail eines unappetitlichen l’art pour l’art steigt."    

Die Blechtrommel war in ihrer literarischen Eigenart per se auch politisch. Sie trug mit dazu bei, dass die Gruppe 47 in den sechziger Jahren zur literarischen Zentralinstanz der Bundesrepublik und, obwohl sie sich in ihren Sitzungen vollkommen auf literarische Diskussionen beschränkte, eine der wichtigsten Keimzellen der außerparlamentarischen Opposition wurde.