Keiner hat dem Ruf des engagierten Schriftstellers in den vergangenen Jahren so geschadet wie Günter Grass. Bis auf sein verspätetes SS-Bekenntnis hat er mit seinen Statements über Jahre hinweg keine überraschenden, neuen Einsichten mehr geliefert. Seine plakativen Israel-Gedichte stellten ihn allenfalls an die Seite seines Alterskollegen Martin Walser, der sich mit Political-Correctness-Klagen gerade zurückhält. Sogar der jüngere Peter Handke scheint müde geworden. Mittlerweile sind es vor allem die Jurys, die für Aufsehen sorgen, wenn sie ihm Heine-, Candide- oder Ibsen-Preise verleihen.

Trotz aller schwierigen Erfahrungen mit Schriftsteller-Ikonen: Manche werden von den Medien vielleicht nicht mehr ganz ernst genommen, aber als Prominente gerne gefragt. Doch was dabei herauskommt, sind oft nur Schnellschüsse auf akute Hilferufe aus Redaktionen. Auch Nobelpreisträgerin Herta Müller bemüht sich manchmal, ihnen nachzukommen. Doch wie steht es mit Fragen, die die Gesellschaft grundsätzlich betreffen, etwa der nach ihrer wieder viel diskutierten kapitalistischen Wirtschaftsstruktur, die in den letzten Jahren Krise über Krise produziert hat, dauerhaft für Millionen von Arbeitslosen sorgt? Marx lächelt im Grab und freut sich, dass er von Philosophen und Soziologen wieder geschätzt wird. Aber was denken die jüngeren Belletristen? Hat sich die aktuelle Literatur ganz von politischen und ökonomischen Fragen zurückgezogen?

Vor etwa einem Jahr sprach Florian Kessler in der ZEIT vom "Heintje-Effekt der deutschen Literatur: Immer jüngere Autoren verhalten sich immer braver immer älter." Er fügte hinzu: Wenn es "bei Literaturwettbewerben wie dem Open Mike zu Texten mit gesellschaftlicher Dringlichkeit" komme, "so bedeutet das alles Mögliche, bloß keine Repolitisierung der deutschsprachigen Literatur. Themen und Meinungen sind jederzeit austauschbar, gespielt wird mit ihnen bloß Distinktionsbingo." Kessler nannte die Gegenwartsliteratur aus den Schreibschulen "Speck Lit" und führte sie provokativ auf die "ästhetische Anspruchslosigkeit" dieser Kinder aus Richter-, Lehrer-, Ärzte- und Professorenfamilien zurück, die genau wissen, dass sie als Dichter von den Kapitalrücklagen der Eltern abhängig bleiben.

Struktur des heutigen Kapitalismus

Wobei Literaten seit Hunderten von Jahren hauptsächlich aus dem Bürgertum kommen. Das hinderte sie nicht daran, gegen ihr Herkunftsmilieu zu agitieren. Was macht die derzeitigen Nachwuchsautoren so besonders scheu, den Rahmen der Gesellschaft zu durchleuchten, in der sie schreiben?

Enno Stahl, Mitinitiator eines von der Rosa-Luxemburg-Stiftung unterstützten Treffens zum Thema Schriftsteller, Kapitalismus und Kritik, erwähnte Kessler im Berliner Brecht-Haus als einen der Ausgangspunkte der Diskussion, in der am vergangenen Wochenende ein gutes Dutzend mehr oder weniger jüngere Autoren, Sozial- und Literaturwissenschaftler eben jenen Grundfragen nachzugehen versuchten. Autorennamen wie Thomas Meinecke, Norbert Niemann, Kathrin Röggla, Monika Rinck, Raul Zelik und Ann Cotten klangen vielversprechend, das Brecht-Haus war anfangs bis auf die Gänge hinaus gefüllt. Aber das große Interesse an der spezifischen Struktur des heutigen Kapitalismus und der Frage, was die Literatur damit anfangen könnte, wurde oft enttäuscht.

Euphorie kommender Veränderungen

"Bernsteinhaft" kursierte bald als vornehmes Adjektiv für tief verstaubte, langwierige literatursoziologische Eingangsreferate, die den Eindruck vermittelten, als habe sich seit Lenins so lebendiger Sowjetunion und dem Werkkreis Literatur der Arbeitswelt eher wenig getan. Davon teilweise affizierte, aber auch sprunghaft-wirre Diskussionen brachten einzelne Erkenntnisse. Wie etwa, dass die sich verändernde Wirklichkeit nicht durch überkommene Begrifflichkeiten verniedlicht und unter Kontrolle gebracht werden kann.

Ein Grund für den Rückzug von jeglicher politisch-ökonomischer Haltung bei Literaten ist nicht nur das dröge-negative role model Grass und Co, sondern sicher auch der mangelnde "gesellschaftliche Resonanzraum" für solche Fragen. Man kann es auch schärfer formulieren: Es lohnt sich nicht mehr, "kritisch gegen die kapitalistische Gesellschaft" zu sein. In den sechziger und siebziger Jahren lebte der ganze Kulturbetrieb von der Euphorie kommender gesellschaftlicher Veränderung. Heute habe sich der Kultur- und Buchmarkt, so Norbert Niemann, grob in zwei Sektionen gespalten. Die eine halte Kulturkonsumenten generell für anspruchslos und versucht, in vorauseilendem Gehorsam den Unterhaltungsbetrieb zu beliefern. Die andere, kleinere, bilde eine Art "bürgerliche Wagenburg", der es allenfalls um Bewahrung von Tradition, immer weniger um Wagemut und Analyse gehe.

Resonanzraum ausweiten

Trotzig-witzig wollte Raul Zelik nicht in das sich zeitweilig ausbreitende Lamento einstimmen. Wenn einmal klar ist, dass sich die Mehrheit der Öffentlichkeit für das, was man treibt, nicht interessiere, müsse man sich ihr selber nicht mehr anzuschmiegen versuchen, meinte er, und könne radikal machen, was man für wichtig alte. Oder, wie es Sybille Lewitscharoff einmal formulierte: "Nie an den Nicht-Leser denken." Es gehe darum, den "Resonanzraum" für solche Literatur wieder auszuweiten.