Handy-Aufladestation syrischer Flüchtlinge, irgendwo in Mazedonien. © Faiz

Die deutsche Kulturwissenschaftlerin Julia Tieke hat den 1987 geborenen Faiz bei einem gemeinsamen Radioprojekt in der Türkei kennen gelernt. Faiz hat in Aleppo Englische Literatur studiert und sich 2011 den Protesten für Freiheit, Sicherheit und Würde in Syrien angeschlossen. Als Medienaktivist dokumentierte er in seiner Heimatstadt Manbidsch die Proteste und staatliche Repressionen gegen Aktivisten. Nach dem Rückzug des Assad-Regimes gründete er ein Zentrum für Zivilgesellschaft und half, einen Sendemast für unabhängiges Radio zu betreiben. Als die Extremisten des "Islamischen Staats" dauerhaft die Kontrolle in der Region übernahmen, drohten sie, ihn wegen seines zivilgesellschaftlichen Engagements zu enthaupten. Faiz flüchtete zunächst in die Türkei, sah dort aber keine Perspektive und entschloss sich schließlich zur Flucht nach Deutschland. 

Während er unterwegs war, hielt er via SMS ständig in Kontakt mit Julia Tieke, die versuchte, ihn von Deutschland aus zu unterstützen: Sie rief lokale Behörden an, recherchierte Informationen, die ihm vielleicht weiterhelfen konnten, und setzte sich für ihn ein, wenn er im Gefängnis landete. Das Protokoll ihrer SMS-Konversationen, das jetzt als E-Book erschienen ist, gibt einen Einblick in die Lebensrealität tausender Flüchtlinge. Hier ist ein Auszug:

Im Wald

3. Oktober 2014

Julia: Salam, Faiz. Wo bist du? Ich hab von unserem Freund Hozan gehört, dass du unterwegs bist.

4. Oktober 2014

Faiz: Ich bin in Mazedonien, im Dschungel. Vielleicht gehe ich zurück nach Griechenland.

Julia: Kann ich dich irgendwie unterstützen?

Faiz: Ich weiß nicht. Wir leben wie Affen, zwischen den Bäumen. Es ist unmöglich, nach Serbien zu gelangen. 14 Tage, inmitten von Bäumen.

Julia: Ich habe eine gute Freundin mit Freunden in Mazedonien. Ich ruf sie noch heute an. Wahrscheinlich leben die in Skopje.


Später am Tag

Julia: Es tut mir leid, dass du das alles durchmachen musst. Skopje ist etwa 140 Kilometer weit weg von dort, wo du jetzt laut Facebook bist.

Faiz: Mein Akku ist gleich leer. Vielleicht gehe ich zur Polizei. Um diese furchtbare Reise zu beenden und nach Athen zurückzugehen.

Julia: Oh. Sie würden dich einfach zurück nach Athen schicken?

Faiz: Ja. Nachdem sie uns geschlagen haben.

Julia: Kannst du dein Handy aufladen? Ich kann versuchen, über diese Freunde Geld zu schicken.

Faiz: Neiiiiin! Ich brauche kein Geld.

Julia: Ok.

Faiz: Wir müssen Menschen bleiben. Nur das.

Julia: Ja.

Faiz: In dieser schrecklichen Welt.

Julia: Du bist ganz sicher ein Mensch!

Faiz: Ja.

Julia: Du wirst also nach heute erst mal nicht mehr schreiben können?

Faiz: Ich werde probieren, das Handy in irgendeinem Dorf aufzuladen.

Julia: Versucht jemand aus Deutschland, dich hierherzuholen?

Faiz: Ist das möglich?

Julia: Ich bin mir nicht sicher. Ich werde es herausfinden.

Faiz: Ich schicke dir Fotos.

Julia: Ich weiß nicht, was ich sagen soll.

Faiz: Mach dir keine Sorgen.

Julia: Frohes Fest euch allen.

Faiz: Frohes Fest dir. Und vielen Dank.

Julia: Ich werde mich über die Leute in Mazedonien schlau machen. Sind die anderen dort bei dir Syrer?

Faiz: Alles Syrer.

Julia: Ich schreibe, wenn ich mehr weiß. Halt mich auf dem Laufenden.

Faiz: Sag das nicht, also das mit der Unterstützung.

Julia: Ok. Warum nicht?

Faiz: Neiiiiin! Auf keinen Fall!

Julia: Wir brauchen alle manchmal Unterstützung.

Faiz: Ja, manchmal. In etwa fünf Minuten ist mein Akku leer.