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Revolutionen sind, wenn man sie nicht gerade als Metapher für Wandfarben nimmt, immer eine Sache von Kollektiven. Sie passieren dort, wo die Macht bereits auf der Straße liegt, schrieb Hannah Arendt: Dann kommen die Revolutionäre und heben sie auf.

Das klingt in der Theorie gut. In der Praxis kann es passieren, dass man sich zwischen Rauchschwaden und Wasserwerfern in einer aufgeregten Menschenmenge wiederfindet, die versucht, vor der Polizei zu fliehen, und man weiß gar nicht, ob man zu diesen Leuten dazugehört und ob man nicht vielleicht am Ende selbst auf der Straße liegen wird.

So geht es Sira, einer Hauptfigur in Annika Reichs Roman Die Nächte auf ihrer Seite. Sie ist im Januar 2011 auf dem Tahrir-Platz, mitten in der ägyptischen Revolution – und weiß nicht, was sie da soll. Sira will zurück nach Berlin, nach Hause. Ihre Eltern sind Ägypter, sie nicht so richtig – "oder jedenfalls nicht genug, um hier zu sterben." Außerdem hasst sie Menschenmassen.

"Sira hatte keine Lust auf eine politische Situation." Mit diesem Satz beginnt Annika Reichs dritter Roman, der von zwei Frauen erzählt, die jeweils auf ihre Art ihren Platz in der Weltgeschichte suchen. Das klingt groß, und genauso ist es auch gemeint. Beide Frauen wären mit sich selbst eigentlich schon genug beschäftigt, müssen sich dann aber über kurz oder lang der Außenwelt stellen. Und beiden schadet das gar nicht mal so sehr.

Sira, die Halbägypterin aus Berlin, ist die eine Figur. Die andere ist Ada, mit ganz anderem Hintergrund. Katholikin aus dem Rheinland, ebenfalls in Berlin lebend, Kamerafrau. Ada hat eine Tochter mit Farid, der wiederum Siras Bruder ist. Sie filmt aus ihrer Wohnung heraus heimlich Paare, die zur Paartherapie gehen und analysiert deren Verhalten: "Zuerst denkt man, es geht um die Liebe, aber wenn man genauer schaut, sieht man, es geht ums Vermeiden", sagt sie. Sie selbst nagt ganz fürchterlich an ihrer Beziehung zu Farid, von dem sie sich getrennt hat und nicht loskommt.

Das wird nicht leichter durch Fanny, die gemeinsame Tochter. Ada hat das Gefühl, Farid und sie benutzen Fanny als "Blitzableiter". Leider merkt sie das immer erst, wenn sie Fanny abends beim Schlafen zusieht. Hinterher ist man oft schlauer. Oft aber auch nur genau so lange, bis am nächsten Morgen der Alltag wieder beginnt, in dem man sich so gut eingerichtet hat.

Ada empfindet ihr Leben als etwas Neutrales, als einen Nullpunkt inmitten der Welt. Sie hat auch "keine Lust auf eine politische Situation", wüsste aber auch gar nicht, woher die kommen sollte. Ada denkt über ihre Freundin Regina nach, die immerhin die DDR und die Wende hatte, und über Sira, deren Eltern aus Ägypten kommen. Bei beiden sieht sie etwas, das ihr fehlt: eine Geschichte, eine Vergangenheit. Ada hat nur Alltag. Dementsprechend genervt ist sie, als sie merkt, wie sich bei Sira etwas verändert und die Geschichte, die Weltgeschichte nämlich, plötzlich in ihrer Gegenwart stattfindet: "Manchmal denke ich, du hast dich als Ägypterin erfunden, vor Tahrir warst du nämlich keine, jedenfalls keine solche", sagt Ada zu Sira. Es fühlt sich nicht gut an, wenn die anderen sich finden, und man selbst noch sucht, oder vielleicht noch nicht mal sucht.