"Dr. Shimamuras Leben war von Tragödien geprägt." Wer als Wissenschaftler in einer seriösen Zeitschrift für japanische Medizingeschichte mit einer solchen Bemerkung vorgestellt wird, ist natürlich höchst literaturfähig. In dem Zitat schlummert das Potenzial für einen ganzen Roman. Und das vielleicht gerade deshalb, weil dieser Dr. Shimamura Shunichi ein wenig rätselhaft ist und kaum Spuren hinterlassen hat.

Als gesichert gilt, dass der junge Nervenarzt Ende des 19. Jahrhunderts beauftragt wird, zusammen mit seinem Assistenten eine Forschungsreise in die ländliche Region Shimane zu unternehmen und die so genannte Fuchsbesessenheit zu untersuchen – eine durchaus abenteuerliche Expedition in archaische Gefilde. Seine Studien setzt der Neurologe in Europa fort, von wo er 1894 schließlich wohl ein wenig verstört wieder zurückkehrt. Wissenschaftliche Arbeiten sind von ihm fortan kaum noch verbürgt; er laboriert stattdessen an einer mysteriösen Krankheit und scheint zurückgezogen und schwindsüchtig vor sich hinzudämmern. 

Viel mehr ist über Dr. Shimamura nicht bekannt, aber diese Eckpfeiler eines Lebens reichen der Münchener Autorin Christine Wunnicke aus, um drum herum eine wunderbare und vor allem wunderbar erzählte Geschichte zu spinnen. Ihr ein wenig ätherisch wirkender Dr. Shimamura wird umsorgt von Ehefrau, Schwiegermutter und Mutter; letztere schreibt heimlich an einer Biografie über ihren Sohn. Als Titel schwebt ihr Genie und Wahnsinn vor, auch wenn ihr das schließlich etwas verwegen vorkommt und sie "Genie" stattdessen lieber durch "erfreuliches Talent" ersetzt.

Forschungsreisen in die Provinz

Dass Dr. Shimamura Talent besessen haben muss, steht außer Zweifel. Wunnicke lässt den alten, stets fiebrig glühenden Mann auf den jungen zurückblicken, auf dessen Forschungsreisen in die japanische Provinz und die europäischen Metropolen der neu entstehenden Psychoanalyse. "Fuchsgeist, sagte Shimamura Shunichi. Er sprach das Wort immer im Wiener Tonfall aus, weil er es in Wien zum ersten Mal auf Deutsch gesagt hatte. Fuchsgähst. Er lachte das kleine Lachen, das für dieses Wort reserviert war. Dann schlief er ein."

Aus dem 13. Jahrhundert stammen die ersten Überlieferungen der eigentümlichen Fuchsbesessenheit. Noch 700 Jahre später zeugen davon Erzählungen und Zeichnungen, und Dr. Shimamura ist dem Geheimnis dieser japanischen Variante der Hysterie auf den Fersen. Das Tier ergreift dabei Besitz vom weiblichen Leib, dringt ein durch winzigste Körperöffnungen und sucht sich seinen Weg durch Organe und Gedärm: Unter der Haut zeichnet sich das animalische Fremdwesen schließlich ab, schlägt Haken, orientiert sich Richtung Hals oder quetscht sich vor zur Mundhöhle.

Die Patientinnen, auf die Dr. Shimamura im Laufe seiner Studien trifft, sind von ihrem inneren Geschehen ganz toll, geben seltene Laute von sich, die vom ungebetenen Gast stammen; sie tanzen ungeniert wie von der Tarantel gestochen herum, vollkommen schamlos und bloß. Ein zweites Bewusstsein pflanzt sich ihnen ein. Die Frauen davon zu befreien, gelingt zuweilen durch einen ekelerregenden Exorzismus. Sogenannte Gefäße nehmen den Fuchs dann auf, und Dr. Shimamura kann bei diesem Schauspiel nur knapp die Contenance wahren, muss aber kräftig würgen.