Ein Mann steht auf einem verschneiten Hügel, in Erinnerungen versunken. Schnitt und nächstes Bild: "Die Landstraße schlängelt sich wie auf einer Kinderzeichnung vom grauweißen Horizont zu dem Feld vor meinen Füßen. Und da kommt auch schon ein Auto angefahren."

Es handelt sich nicht um die Eröffnungssequenz eines Films, sondern eines Romans mit dem gänzlich unfilmischen Titel Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969. Ein Buch, das nicht nur verschiedene literarische Formen amalgamiert, sondern dessen Autor – Frank Witzel – keine konventionelle Chronologie verwendet. Einerseits denkt man bei der Lektüre von Titel und Anfang an den deutschen Terrorismus der siebziger Jahre, andererseits sind da "die Kinderzeichnung" und die Kindheit, aus der diese offenbar entstammt.

Das Auto, das da mit hoher Geschwindigkeit heranfährt, scheint unmittelbar einem Autoquartett entsprungen zu sein: "Es ist kein Ferrari 250 GT, 12 Zylinder 4-Takt, Hubraum 2953 cm³ mit 240 PS und 230 Stundenkilometern", sondern "nur ein NSU Prinz, 2 Zylinder 4-Takt, 578 cm³ mit 30 PS, der gerade mal 120 macht, mit Rückenwind". Dennoch aber rast dieser Wagen, in dem außer dem namenlosen Erzähler noch eine Claudia, ein Bernd und ein Achim sitzen, durch die Landschaft, verfolgt von der Polizei. Endgültig surreal wird die Szenerie, als Claudia aus dem Handschuhfach eine Waffe zieht. "Die ist nicht geladen, sage ich. Wie, nicht geladen? Kein Wasser drin. Wasser? Das ist meine Wasserpistole. Sag mal, spinnst du?, schreit Bernd. Wo ist denn die Erbsenpistole?"

Patchwork von Geschichten

Nicht immer geht es in Die Erfindung der Roten Armee Fraktion so rasant zu. Weil aber jedes der 98 Kapitel mit erstaunlicher Kraft geschrieben ist, wird der Leser immer wieder hineingezogen in diesen Roman. Die fehlende Chronologie, die auf den ersten Blick abschreckend wirken könnte, stellt bald überhaupt kein Problem mehr dar. Man gibt sich diesem Erzähler einfach hin und folgt seinen verschlungenen, mitunter absurden Wegen.

Dennoch lässt sich im Laufe der Lektüre so etwas Ähnliches wie ein roter Faden herausdestillieren aus diesem Patchwork von Geschichten, Themen und Ideen. So ziehen sich eine Handvoll Episoden und Figuren durch den gesamten Roman. Etwa der Dialog zwischen dem Erzähler und einem Mann, dessen Hintergrund unklar bleibt. Die Fragen, die er dem Protagonisten stellt, aber klingen, als würde er bei der Polizei oder beim Geheimdienst arbeiten. In diesen Kapiteln kreist das Gespräch immer wieder um die Vergangenheit des Erzählers, um seine angeblichen Kontakte zur RAF und die Freunde aus der Verfolgungssequenz, die am Anfang des Romans steht.

Konsequente Teufelsaustreibung

Ein anderer, nicht minder wichtiger Strang handelt von der katholischen Kindheit des jungen Erzählers. "Pfarrer Fleischmann sagt, ich solle das Flugzeug besteigen und so viele abschießen wie möglich. … Ich solle den Tod meiner Kameraden gedanklich vorweg- und hinnehmen, weil alle Propheten und Heiligen und Märtyrer und Apostel letztlich gestorben seien." Nicht von ungefähr erinnern ihn die Bilder von Holger Meins, der 1974 bei einem Hungerstreik stirbt, an zwei Gemälde, an Christus im Grabe von Holbein und Mantegnas Cristo in scurto.

Nicht alles, was man ihm sagt, glaubt der etwa Zwölfjährige, aber doch ziemlich vieles. So scheint ihm zunächst selbst die Interpretation von Rubber Soul, seinem Lieblingsalbum seiner Lieblingsband, den Beatles, durch den Postulanten Hans-Günther plausibel: "Natürlich muss einen der Plattentitel insgesamt schon darauf stoßen, und du hast ja auch intuitiv gespürt, dass dort wahre Sätze des Glaubens verborgen sind. Das Rubber Soul hat auch nichts mit Gummi zu tun, sondern bedeutet rub yer soul: reibe deine Seele. Erwärme sie für den Herrn. Aber diese Platte ist mehr, sie ist eine konsequente Teufelsaustreibung und Befreiung von den Mächten des Bösen in 14 Schritten. 14 ist die Zahl der Stationen des Kreuzweges und auch die Zahl der 14 Nothelfer ..."

Die Widersprüche einer katholischen Kindheit

Am Ende jedoch sind die Widersprüche zwischen solchen Interpretationen und der Wirklichkeit zu groß für Witzels Erzähler. Hinzu kommt, dass er von dem Gefühl beschlichen wird, ständig mit einer Art Bauchrednerstimme die Ansichten von anderen zu verkünden. Als irgendwann die Stimme der Kirche wegfällt, sich außerdem die familiäre Situation zuspitzt, erleidet der Erzähler einen Zusammenbruch. In dem Sanatorium, in das er eingewiesen wird, bringen ihn aber auch die ziemlich speziellen Therapieversuche des Psychologen Dr. Märklin ­genauso wenig weiter wie die von dessen kirchlicher Konkurrenz, Pfarrer Fleischmann, es getan haben.

Höhepunkt der Tragikomik des Buches ist dann ein Theaterstück, das bei einem späteren Krankenhausaufenthalt des inzwischen erwachsenen Teenagers entsteht. Es trägt den an Peter Weiss angelehnten Titel: Die Verfolgung und Ermordung des erwachsenen Teenagers dargestellt durch die Schauspielgruppe der Spezialambulanz für Persönlichkeitsstörungen des Universitätsklinikums Eppendorf unter Anleitung des Herrn Antonin Artaud in seiner Rolle als Jean-Paul Marat. Der "erwachsene Teenager" steht darin an einer Supermarktkasse: "KASSIEREIN: Sie haben doch gar keine Tochter. ERWACHSENER TEENAGER: Ich bräuchte noch eine Plastiktüte. KASSIERERIN: Sie brauchen keine Plastiktüte für die paar Einkäufe. Und außerdem: Für wen ist der Joghurt? ERWACHSENER TEENAGER: Für mich. KASSIERIN: Ich denke, Sie haben eine Tochter. ERWACHSENER TEENAGER: Ja, und eine Plastiktüte, bitte."

Ständige Überforderung

Vielleicht hätte man ein paar Dinge aus den 800 Seiten des Romans kürzen können. Nichtsdestotrotz aber ist Frank Witzel mit Die Erfindung der Roten Armee Fraktion ein intelligenter und spannender Roman gelungen, der beständig zwischen Ernsthaftigkeit, Tragik und Humor changiert. Witzel gelingt es, die Widersprüche einer katholischen Kindheit in der alten Bundesrepublik der 1960er und 1970er Jahre darzustellen; Zustände, die in der Lage waren, einen Menschen zu zerreißen. Die Form, die Witzel dafür wählt, mag nicht immer ganz leicht zu konsumieren sein, aber sie besticht durch ihre Konsequenz.

Am Ende des Theaterstücks in der Eppendorfer Spezialambulanz für Persönlichkeitsstörungen gibt es dann doch noch einen konkreteren, wenngleich nicht unheiklen Erklärungsversuch für die RAF. "KLINIKMANAGER: Genau, der Terrorismus ist eine lohnende Aufgabe für den Depressiven. Er schafft eine Lebensweise, in der er ständig überfordert ist, in der die äußeren Umstände derart überhandnehmen, dass er quasi nicht mehr dazu kommt, depressiv zu sein, da die Realität seine depressiven Wahngedanken noch übersteigt."