Es ist unmöglich, allen Wörtern zu huldigen, allen Sätzen und Formulierungen, die Harry Rowohlt, der begnadete Übersetzer und Sprachschöpfer, hinterlassen hat. Wir huldigen trotzdem: Dem Verb "reinfenstern" zum Beispiel, oder dem Satz "Er strahlte am Telefon wie ein Dreckeimerchen" oder der "Klappzypresse", von deren Existenz Pu der Bär seinem Freund Ferkel auf einem Spaziergang im Hundertsechzigmorgen-Wald erzählt, die es natürlich nicht gibt, die natürlich Kapuzinerkresse ist, wie Ferkel richtig weiß, aber allein dieses Wort, das ist so viel schöner, man wollte sofort Klappzypressen anpflanzen.

Überhaupt: Pu! Der Bär von sehr geringem Verstand, A. A. Milnes Kinderbuchklassiker, das schönste Kinderbuch der Welt, hat Harry Rowohlt ins Deutsche nicht bloß übersetzt, sondern ein zweites Mal zum Klassiker gemacht. Und wer das nicht glauben mag, höre sich das Hörbuch an: Rowohlt in jeder Rolle, für Ferkel in der Kopfstimme, dem depressiven Esel I-Ah leiht er ein traniges Näseln, das immer geschäftige und beschäftigte Kaninchen immer außer Atem, und selbstredend Pu, der summend umherwandert: "Der Schnee, der Schnee, in dem ich geh, tidelipom!"

Als Vorleser war Rowohlt der größte, den wir hatten. Der dröhnende Bass hinter einem Urwald aus Bart. Ein ganzes Stimm-Orchester kam da hervor, so nannte es der Kritiker Rolf Michaelis einmal, das seufzte, schmatzte, schnaufte, gluckste, zwitscherte und ja, so hat es Pu sicher gewollt: brummte.

Harry Rowohlt hat als Übersetzer mehr als 120 Bücher aus dem Englischen ins Deutsche übertragen, was sich derart hingeschrieben nahezu profan anhört und nur nach Fleiß klingt (aber was für einer!), aber unterschlägt, dass es nicht irgendwelche Bücher waren, sondern jene angelsächsische Literatur, die zuweilen als unübersetzbar galt, hintersinnige, sprachverliebte, skurrile, eigentümliche Literatur war das.

Rowohlt machte aus ihren englischen Wörtern nicht bloß deutsche, sondern ein Rowohlt-Deutsch, mit einem Wortschatz, den nur er zu besitzen schien aus Neuschöpfungen, Geistesblitzen und Witz, der diese Bezeichnung verdient in Zeiten, da sich alle welche erzählen. Unter den Übersetzern war er der Thesaurus Rex mit Einfühlungsvermögen, Originalität und Sprachgewalt, wobei Gewalt hier das falsche Wort wäre. Viel besser: Liebe, die für jeden, der lesen kann, in seinen Übersetzungen zu entdecken ist.

Und wer die Liste der Namen anguckt, die er uns in seinem Rowohltsch schenkte, dem wird schwindelig:  Flann O’Brien, Kurt Vonnegut, Frank McCourt, Kenneth Graham, Philip Ardagh, Dylan Thomas... Wenn in Deutschland mit besorgter Pädagogenmiene das Wort "Literaturvermittlung" ausgesprochen wird, muss man daran erinnern, dass Harry Rowohlt einer unserer brillanten Literaturvermittler gewesen ist, gänzlich unpädagogisch übrigens, und zudem ein genialer Beleidiger mit einem ausgeprägten Talent zur Feindschaft.

Schriftsteller - Im Andenken an Harry Rowohlt Warum er Daniel Kehlmann nicht, Thomas Kapielski aber sehr wohl liest, verriet der verstorbene Übersetzer im Juli 2009. Damals beantwortete er Fragen der ZEIT ONLINE-Community.

Dazu muss man bloß seine gesammelten Briefe, die unter dem Titel Der Kampf geht weiter erschienen sind, irgendwo aufschlagen. Dem Schriftsteller Günter Herburger dankt er für Post: "Vielen Dank für die schöne, grüne Karte mit Ihnen selbst drauf." Den Kolumnisten Franz-Josef Wagner nannte er einen "kurz vor der endgültigen Abhalfterung stehenden Flippi". Und dem Publizisten Michael Naumann, der ihm vorwirft, Gottfried Benn falsch zitiert zu haben, antwortet er mit einem heiterem Zitat aus der Serie Lindenstraße, in der er bekanntlich einen Obdachlosen spielte.

Als jener war er kurioserweise mehr Leuten bekannt: als der grauhaarige, struppige Jeansjackenträger aus dem Fernsehen. Nicht als jener, der im echten Leben aus einem spröden Hilfswort wie "unterdessen" einen existenziellen Donnerschlag machen konnte; der Unterhaltungskünstler, der auf seinen Lesungen nach der Pause den ersten Whiskey trank, da das Publikum ein Anrecht darauf habe mitzuerleben, "wie der Referent sich zugrunde richtet". Und der Humorist, der in der ZEIT die Kolumne Poohs Corner schrieb und sich in Interviews von seinem berühmten Nachnamen geplagt fühlte als 1945 geborener Sohn von Ernst Rowohlt, der den Rowohlt-Verlag gründete: "Ich bin ja schon froh, dass ich nicht Kiepenheuer und Witsch heiße."

Nun ist Harry Rowohlt im Alter von 70 Jahren in Hamburg nach langer Krankheit verstorben. Sein Brummen ist verstummt, seine Übersetzungen und Sprachschätze sind unsterblich.