Als ich in einem Interview mit ihm beiläufig erwähnte, ich hätte als Vorbereitung noch einmal sein belletristisches Gesamtwerk gelesen, konterte er brüsk: "Na, das geht ja!" Um dann aber doch hintersinnig einzuräumen, es werde jetzt "allmählich größer als das von Büchner".

Harry Rowohlt hat seine witzig-virtuosen, stilistisch blendenden, mit dem Zeitungsmedium selbst spielenden Kolumnen, Reportagen und Kritiken in der guten Tradition Flann O’Briens immer gern als "Kleinscheiß" abgetan, "und zwar quantitativ wie auch qualitativ!". Obwohl gerade sie seinen Ruhm begründeten – lange vor seiner TV-Karriere als Penner in der Lindenstraße – und obwohl er gerne mit ihnen durch die Lande tingelte und daraus vorlas. Jedenfalls auch vorlas.

Anmutige, in der deutschen Gegenwartspublizistik ziemlich rare Balancenummern waren das, scheinbar improvisierte, anekdotische, aber sich in den verschiedenen Stilregistern behänd bewegende, gut beobachtete und pointenreiche Feuilletons, die den ZEIT-Leser zwar einerseits brüsk herausfordern, aber andererseits mit gelegentlicher, wenn auch verschmitzter Bildungshuberei gefällig bedienten. "'Was liest du denn gerade?' fragte mich Christiane, die einzige, die außer mir in jener Oberstufenklasse Bücher las. 'Schmidt', sagte ich. 'Schmidt? Welchen?' – 'Und Musik' – 'Soul. James Brown.' – 'James Brown? Welchen?' Ist auch Lehrerin geworden."

Einer seiner Redakteure hat ihm gegenüber mal erwähnt, seine Texte läsen sich, "als hätte man jemanden geweckt". Sie wirken immer ein bisschen so, als könne er selbst gar nichts dafür, dass sie so gut sind. Mit einem Achselzucken hat er solches Lob zur Kenntnis genommen. Er sei Übersetzer, und dann komme lange Zeit erst mal gar nichts. Die Zahl seiner übersetzten Bücher hatte er dagegen immer parat.

Mit Kinderbüchern fing Rowohlt an. Mit A. S. Neills Die grüne Wolke etwa, das wegen des Vierziger-Jahre-Gangsterslangs als unübersetzbar galt, mit Kenneth Grahames Der Wind in den Weiden und natürlich A. A. Milnes Pu der Bär, der auch so eine Art ironisches role model für ihn wurde. Es folgten die Underground-Comics von Gilbert Shelton und Robert Crumb, um schließlich bei der anderen Weltliteratur zu landen, bei Flann O’Brien, Kurt Vonnegut, Frank McCourt, aber eben auch Shel Silverstein, an dessen sprachschöpferischen Gedichten er sein ganzes Ingenium als "Stimmenimitator" lustvoll aufbieten konnte.

Er hatte es sich anfangs nicht aussuchen können, musste nehmen, was man ihm anbot, damit er nicht auf die Idee kam, nur weil er Rowohlt-Erbe war, könne er besonders wählerisch sein. Später, als die Verlage seinen Namen fast genauso groß auf dem Cover druckten wie den des Autors, weil sich das Buch so besser verkaufen ließ, war er es durchaus.  

Majestätsbeleidigungen, Beschimpfungen

Einen nicht zu vernachlässigenden Teil seiner Korrespondenz machen die feingeschliffenen, entschuldigenden, manchmal auch kanthölzernen Ablehnungsschreiben aus, in denen er abwägt, unsicher ist, ob er das Buch "ins Deutsche wuchten" will. Mit David Sedaris hatte er einmal so dermaßen danebengegriffen, dass er Jahre später noch von seiner "Sedaritis" sprach, einer "Trag- und Duldestarre", die ihn auf den letzten "850.000 Seiten" befallen habe.

In der Literaturszene schon eine Größe, wurde er zur nationalen Berühmtheit, als er seit 1994 in der Lindenstraße den straßenweisen Penner Harry gab, noch so eine ironische Abspaltung seiner Persönlichkeit. Gesoffen hat er tatsächlich, solange es seine Gesundheit zuließ. Gern ließ er sich 1996 mit dem Titel "Ambassador of Irish Whiskey" nobilitieren. Auf dem Lesetisch stand denn auch bis zum Ausbruch seiner Polyneuropathie die Paddy-Buddel, und sie stand da nie nur zur Dekoration.

Jetzt konnte er auch sein kolloquiales Talent im angemessenen Rahmen auf die Bühne bringen. Seine als Lesungen getarnten vielstündigen, auch schon mal das Auditorium vergraulenden Plauderabende, in denen die eigenen Texte oder Übersetzungen immer nur das Sprungbrett lieferten für witzige Exkurse, für Majestätsbeleidigungen, Publikumsbeschimpfungen, Anekdoten, Klatsch- und Tratschgeschichten aus der Verlagswelt, füllten Buchhandlungen, Clubs und Theater. Dieses assoziative Parlando, vorgetragen im originär brummig-bärigen Harry-Bariton, war vielleicht sein Hauptwerk. Ohnehin muss man diesen "Paganini der Abschweifung", wie ihn sein Freund und Verleger Klaus Bittermann nannte, livehaftig hören für den vollen Genuss. Und wer ihn häufiger gehört hat, der hat seine Stimme stets im Ohr, wenn er Texte von ihm liest.

"Ostzonen-Arschloch"

Harry Rowohlt hat seine Berühmtheit genutzt, um eine Lanze zu brechen für "seine" Literaten und Hausheiligen. Er blieb bei aller Eitelkeit und Rampensau-Attitüde immer auch ein passionierter Leser und Fan. Und er war ein loyaler Freund und Genosse ("Mein Arbeitsplatz, mein Kampfplatz für den Frieden!" unterschrieb er seine Briefe mitunter), der fuchsteufelswild werden konnte, wenn seinen Leuten Unrecht widerfuhr. So beschimpfte er Fritz J. Raddatz in einem offenen Brief als "dummes, unberatenes, abgebrochenes Ostzonen-Arschloch", weil dieser Robert Gernhardt in einer Kritik als "Mogelpackung" geschmäht hatte. 

Richtig in Stimmung, verfolgte er infame Kritiker auch schon mal mit wütenden spätabendlichen Telefonanrufen. Er war nie der angepasste Schaugeschäft-Profi, der um jeden Preis die Spielregeln einhielt. Hier zeigt sich vor allem eins: Haltung. Eine Haltung, die man sich erst mal leisten können muss, die sich Harry Rowohlt aber allemal geleistet hat. "Wenn Sie glauben, ich würde mich bei einer Weihnachtsfeier der Firma McKinsey gegen Geld zum Affen machen wollen", beantwortet er eine entsprechende Anfrage, "habe ich in meinem Leben gründlich etwas falsch gemacht. Die Firma McKinsey möge sich bitte freundlichst und gründlichst gehackt legen."

Harry Rowohlt ist gestorben. Er fehlt jetzt schon.