Kein Mensch weiß, was in einem anderen vorgeht. Auch seriöse Psychologen versuchen nur, ihre Patienten zur Selbsterkenntnis zu bringen. Aber was ist mit Menschen, deren Fähigkeit, sich selbst in der Welt zu orientieren, offensichtlich schwindet? Demenz und Alzheimer werden viel diskutiert, doch allem gesellschaftlichen Gerede über sie haftet etwas Vages, Unzuständiges an, weil die Menschen, die unter diesen boomenden Krankheiten leiden, das Gerede oft selber nicht mehr richtigstellen können.

Auch Schriftstellern bleibt meist nichts anderes übrig, als die eigene Geschichte mit erkrankten Angehörigen zu erzählen, wie etwa Arno Geiger in Der alte König in seinem Exil. Martin Suters Erstling Small World, der schon 1997 erschien, ist einer der wenigen, erstaunlich haltbaren Versuche, die Perspektive des Kranken zu übernehmen, und bleibt doch ein Blick von außen.

Der schmale Band dement von Lioba Happel sticht aus diesen literarischen Verarbeitungsversuchen hervor. Ende der 80er Jahre mit ihrem Gedichtband Grüne Nachmittage oder der poetischen Prosa Ein Hut wie Saturn (beide im Suhrkamp Verlag erschienen) als Schriftstellerin bekannt geworden, war die ausgebildete Sonderpädagogin in den letzten Jahren in der Demenzpflege tätig. Jetzt bringt sie poetische Sprache und praktische Erfahrung in einem Buch zusammen, das Happel "Erzählung" nennt. Eher aber sind es über hundert Seiten konzentrierte Beobachtungen, lyrische Miniaturen, erzählerisch geordnet durch den Anlass "Besuch", der die Patienten immer wieder mit Vertretern jener Außenwelt in Beziehung bringt, mit der sie ihre Schwierigkeiten haben, aber die oft auch selber nicht mehr mit ihnen zurechtkommt.

Unsicherheiten auf beiden Seiten

Aufmerksam beobachtet Happel die Irritationen zwischen den Welten, setzt die Unsicherheiten ins Bild, die beide Seiten prägen, die sich aber auch als Respektlosigkeit äußern können: "'Darf ich?' – Wir wissen nicht, was man dürfen soll, da geht der Besuch schon im Zimmer herum und schaut sich alles genau an."

Happel versucht, in den oft nur unmerklich bewegten Gesichtern zu lesen, den Patienten ihre Stimme zurückzugeben. Das "wir", das sie dabei verwendet, ist gewöhnungsbedürftig. Naturgemäß hat es den Hang, Individuen über einen Kamm zu scheren. Aber in diesem Fall versucht es eher, den unsicheren Grenzen der erkrankten "Ichs", ihrem vagen Selbstgefühl gerecht zu werden. Gleich zu Beginn unterscheidet Happel zwischen "ruhiger" und "unruhiger" Demenz. Während Kranke in der ruhigen Phase kaum noch Unterscheidungen machen, "Himmel und Meer eins sind", flackern in der unruhigen Demenz immer wieder Erinnerungen auf, "zum Beispiel daran, wer wir einmal waren, wenn uns jemand besucht hat". Ruhige und unruhige Demenz bleiben jedoch untereinander voller Übergänge, können verschiedene Phasen der Krankheit desselben Menschen bedeuten: "Wie Seekranke in einem Boot sitzen wir in der ruhigen, dann wieder unruhigen Demenz."