Von den Rändern her wurde Erika durchsichtig; ihr Mann kauft sich eine Gleitsichtbrille, um Erika scharf sehen zu können, doch davon wird ihm schwindelig; also streicht er ihr über die geröteten Wangen, zieht die Linien ihres Gesichts nach; ein Akt, der Assoziationen an den Beginn ihrer gemeinsamen Zeit weckt. Dann ist Erika fort, gestorben, verschwunden aus dem gemeinsamen Haus; eine Frau vom Roten Kreuz bringt von nun an das Essen; ein Mann mit langen Haaren schaut ab und zu vorbei, doch auch, wenn der Mann allein im Haus ist, tauchen Dinge urplötzlich auf und wieder ab, als habe eine Geisterhand sie bewegt.

Das ist eine der sechs (oder, je nach Zählweise, auch sieben) Geschichten, die Ulrike Almut Sandig in ihrem neuen Buch erzählt. Sie endet mit einem Punkt, könnte aber genauso gut auch mit drei Punkten enden, denn Sandigs Geschichten haben keinen eigentlichen Anfang und auch keinen Schluss im Sinn einer Pointe. Das wäre lebensfremd, denn wann endet eine Episode schon einmal eindeutig, mit einem wahrhaftigen, befriedigenden Abschluss?

Ulrike Almut Sandig hat bereits drei Lyrikbände veröffentlicht und ist für ihre Gedichte mehrfach ausgezeichnet worden, unter anderem mit dem Meraner Lyrikpreis und dem Leonce-und-Lena-Preis.

Kontrast zur Short Story

Das Buch gegen das Verschwinden ist ihre zweite Prosaveröffentlichung, und es gibt keinen Grund, sich vor dem zu fürchten, was mit Vorliebe mit dem Etikett "lyrische Prosa" versehen wird: Klar und hart sind die Sätze, überlegt durchdacht die Szenen, ausgefeilt die Erzählstrukturen. Und doch findet Ulrike Almut Sandig einen Ton, der jede ihrer Geschichten (die Gattungsbezeichnung ist bewusst gewählt als Kontrast zur Erzählung oder Short Story) in einer schwebenden Ambivalenz hält: Sicher, man könnte all das rein realistisch lesen; es gäbe für alles, was geschieht, eine rationale Erklärung. Und doch sickert in die Grundfesten des Plausiblen immer wieder eine Form von Unheimlichkeit und Restunerfindlichkeit ein. Sandig torpediert Gewissheiten, die ihrer Figuren und die ihrer Leser.

Ohne sich einem Erzählschema unterzuordnen, ist allen Texten in diesem Band eines gemeinsam: Etwas kommt abhanden, löst sich in Luft auf, verschwindet. Seien es die noch kurz zuvor unverbrüchlichen Gefühle zu einem Partner, sei es ein Kind, sei es ein älterer Mann auf einer Bergwanderung, sei es ein ganzes Dorf, das dem Braunkohleabbau zum Opfer fällt. Zurück bleiben Vereinsamte, die, wenn überhaupt, über das Erzählen Brücken zueinander schlagen.