Eines kann man Valerie Fritschs Suhrkamp-Debüt Winters Garten schon mal nicht vorwerfen: Mittelmäßigkeit. Bereits die ersten Seiten des schmalen Romans beschwören die ganz großen Themen: das Schicksal, die Liebe, den Tod, den Lauf der Gezeiten. Bei Sätzen wie "Für Anton Winter war die Kindheit vollgestopft mit hohen Gräsern und Teerosen und grünen Äpfeln in den Bäumen, die man den ganzen Sommer über so begehrlich ansah, dass sie irgendwann schüchtern erröteten" blättert man unweigerlich zur Rückenklappe, um sich zu vergewissern, dass die Autorin tatsächlich 1989 geboren wurde, und nicht 1889 – so altmodisch klingt ihr Stil bisweilen.

Kann es andererseits für das üppige Gedeihen in der Gartenkolonie, in der die Hauptfigur Anton Winter aufwächst, eine andere Sprache geben als die opulente, derer sich Fritsch bedient? Anton und sein Bruder werden groß zwischen Herbarien, Lilienbeeten und Sussexhühnern; abends wärmen sie ihre Hände an heißem Gugelhupf, während die Alten ihre Geigen im Schoß halten wie kleine Kinder. Blüte und Verfall sind allgegenwärtig.

Stundenlang besieht Anton sich die Fehlgeburten der Großmutter, die in der Speisekammer zwischen Marmelade und Holundersaft aufgereiht stehen. Es mischt sich ein derart surrealer Unterton in die zeitlose Idylle, als hätte man David Lynchs allzu blankpoliertes Suburbia in diesen wild wuchernden Garten verlagert. Die darunter verborgenen Abgründe sind bereits zu erahnen.

Eine Katastrophe steht bevor, die von der fernen Stadt auszugehen scheint. Doch muss es bereits vor einiger Zeit einen Bruch in der Geschichte gegeben haben: "Die Gartenkolonie war einst von Fabrikantensöhnen und Naturärzten, von schmallippigen Asketen und ein paar Gelehrten, von Bauern und hochgewachsenen Frauen mit Strohhüten gegründet worden, als der Staat sich auflöste und die Stadt trost- und der Mensch so ratlos geworden war, dass er in die Natur gehen musste, um sich zu erneuern." Spielt also der Roman nicht in der Vergangenheit, sondern einer postapokalyptischen Zukunft, die nun dem Weltende harrt?

Zugleich liegt in der Beschreibung der etwas naiven Zurückzurnatur-Reformisten eine feine Ironie, die das Pathos relativiert. Ob intendiert oder nicht: Kleine Seitenhiebe auf den gegenwärtigen Öko-Wahn weißer Mittelstandsfamilien sowie auf waidwunde Männerbünde, die vor der verweichlichenden Zivilisation in die Wälder entfliehen, sind durchaus mitzulesen.

Wunderbar todessehnsüchtig

Im zweiten Kapitel hat sich die Vertreibung aus dem Paradies vollzogen: Anton, inzwischen 42-jährig, lebt als Vogelzüchter im obersten Stockwerk eines Hochhauses und überblickt von dort die dem Untergang geweihte Stadt. Sie hat keinen Namen, könnte groß oder klein sein, nur dass sie am Meer liegt, ist klar. "Papageienbunte Dirnen" belagern die Rastplätze der Matrosen, "Kriegsbräute mit vernähten Gesichtern" stürzen sich reihenweise in die See.

Welcher Krieg gemeint ist, bleibt offen, ebenso, warum oder woher das Unheil droht. Die über allem lastende Endzeitstimmung jedoch fängt Fritsch in wunderbaren, todessehnsüchtigen Bildern ein, die von Tarkowskis düsterem Experimentalkino über Lars von Triers Melancholia bis hin zu den makabren Triptychen von Hieronymus Bosch changieren. Marodierende Kinderbanden und freigelassene Zirkustiere streifen durch die Straßen; an einer Hausmauer lehnt ein Giraffenskelett, dürre Affen hangeln sich von Wäscheleine zu Wäscheleine. Hochzeitsgesellschaften mischen sich mit öffentlich inszenierten Massenselbstmorden, während aus Anton Winters Radio Love will tear us apart von Joy Division erklingt – die perfekte Untermalung für den Untergang. Allein die popkulturelle Referenz irritiert ein wenig.

Dann wieder stimmt Fritsch einen beinahe biblischen Ton an: "Die Schwangeren trugen ihr mit neuem Leben gefülltes Fleisch vor sich her wie ein Haus aus Haut, sie trugen die Kinder wie einen Tod in den Bäuchen und gebaren mit melancholischen Gesichtern vor der Zeit." So geht es seitenlang weiter, eine ekstatische Predigt, die lustvoll das Moribunde fetischisiert. Zärtlich streichen ihre Worte über Gewehrläufe, Leichenteile und Verwesung, sezieren das Abstoßende mit der leidenschaftlichen Detailverliebtheit eines besessenen Wissenschaftlers.