Zu den rätselhaften Phänomenen der Literatur gehören die Bestseller: Warum ist gerade dieses Buch erfolgreich? Wieso stehen Menschen in Buchläden dafür Schlange? Was hat es, was andere nicht haben? In unserer Kolumne "Die kommentierte Ausgabe" suchen wir regelmäßig eine Erklärung.

Dass man Bestseller nicht planen könne, ist ein Satz, den man von Verlegern regelmäßig hört. Die Empirie scheint ihnen Recht zu geben. Nimmt man dennoch probeweise einmal an, es gäbe ein solches Rezept, dann ließe es sich an Dörte Hansens Altes Land, wochenlang Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste, hervorragend ablesen.

Die Aufmachung des Romans ist wenig aufmerksamkeitserregend, sondern von ebensolch norddeutschem Understatement wie die Gegend, in der er spielt und die ihm auch zum Titel gereicht: das Alte Land, jene obstbaumgesättigte Elbmarschlandschaft südlich von Hamburg. Dörte Hansen erzählt anhand von kurz angepieksten Biografien im Schnelldurchlauf einmal die Geschichte der Bundesrepublik, von den Nachkriegstagen bis in die unmittelbare Gegenwart. Ohne allen historischen Ballast, nicht als Geschichte der Mächtigen oder der Politik, sondern als Geschichte derjenigen, die das Ganze tatsächlich am Laufen hielten und halten: die Frauen.

Eine dieser Frauen Vera, Jahrgang 1940, Kriegskind, ist mit ihrer Mutter aus Ostpreußen geflüchtet und auf einem Hof im Alten Land einquartiert worden. Zu dulden, dass Veras Mutter nachts heimlich ein bisschen Milch für ihre Tochter stiehlt, ist mit Abstand die herzlichste Geste der Gutsherrin. Ansonsten versagt sie den ungebetenen Gästen jede noch so winzige Unterstützung. Eine Kindheit, wie Vera sie hatte, härtet ab. Zumal, wenn die eigene Mutter, kaum ist das gröbste Elend überstanden, sich mit einem neuen Mann auf Nimmerwiedersehen davon macht.

Wir kennen diese Frauen, die Gutsherrin genauso wie Vera. Sie sind unsere Mütter, vielleicht schon Großmütter. Es sind jene Frauen, die, wenn das fünfjährige Kind von nebenan wieder mal nach dem iPad jammert, spitz anmerken, dass sie ja früher nur einen einzigen Teddybären gehabt hätten. Wenn überhaupt. Aber eben auch glücklich waren. Oder zumindest groß geworden sind.

Die folgenden Frauenbiografen, die Hansen anschneidet, sind kaum weniger stereotyp (und damit unschlagbar wiederkennbar). Veras kurz nach dem Krieg geborene Schwester Marlene musste die entbehrungsreiche Zeit nicht erleben. Folglich wird aus ihr die vom Aufstiegswillen Getriebene, die ihren von Elend bestimmten Lebenshintergrund vergessen machen will. Darum gönnt sie auch ihren Kindern und ihrem Mann nicht den Funken einer Schwäche. Marlenes Tochter wiederum, Anne, steht für die Frau von heute: Sie hat sich als Künstlerin versucht, ist aber mehr oder weniger gescheitert, nun ist sie die beständig gehetzte Mutter, die sich in der gentrifizierten Hamburger Mütterhölle zwar nicht wirklich wohl fühlt, aber sich irgendwie arrangiert.

Ach, diese Kälte der Welt

Die Männer finden in Hansens bundesrepublikanischer Mentalitätsgeschichte wenig Platz. Die Älteren sind entweder im Krieg gefallen oder gebrochen daraus zurückgekommen, eine Generation später lassen sie sich von aufstiegsentschlossenen Frauen zu Karrieren nötigen. Noch eine Generation später, heute also, sitzen sie mit ihren Laptops in Cafés, machen irgendetwas Kreatives und verlassen die Frau, wenn das gemeinsame Kind sich gerade im Kindergarten eingewöhnt hat, um sogleich mit der nächsten Frau das nächste Kind zu zeugen. Drei Generationen, bald sieben Jahrzehnte Bundesrepublik – Altes Land liefert auf 280 Seiten die Bilanz. Oder zumindest ihr klischiertes Tableau. Das Resümee ist eindeutig. Die Männer sind Schluffis, am Ende aber kommen sie doch immer leicht durchs Leben. Die Frauen sind streng mit sich und der Welt, aber am Ende eben doch jede für sich eine bedauernswerte Figur.

Im tiefsten Innern aber sind wir Frauen gar nicht so verhärmt und angespannt, wie wir aussehen. Deshalb gibt es zum Schluss noch mal eine ordentliche Portion Melodramatik. Die verlassene Anne zieht mit ihrem kleinen Sohn zu ihrer etwas schrägen Tante Vera ins Alte Land, wo diese immer noch in dem Reetdachhaus lebt, in dem sie einst strandete und in dem sie nie willkommen war. Aber besser ein zugiges Zuhause als keines. Das gilt nun auch für Anne. Zwei verlorene Mädchen richten sich in der Kälte der Welt ein. Die ist auf dem Land zwar nicht so trügerisch von Latte Macchiato-Schaum weichgespült wie in Hamburg-Ottensen. Aber immerhin ist sie echt.

Bei alledem passt es natürlich ganz hervorragend, dass Frauen nicht nur die ganz große Schose am Laufen halten, sondern auch die Verkäufe im Buchhandel. Jedenfalls dort, wo es um Romane geht. 

Dörte Hansen, "Altes Land", Knaus Verlag, 19,99 Euro