Der Schriftsteller, Übersetzer und Essayist Dieter Kühn ist im Alter von 80 Jahren in Brühl bei Köln gestorben. Er verfasste Biografien, Romane, Erzählungen, Kinderbücher, Theaterstücke, Hörspiele und übertrug mittelhochdeutsche Werke in aktuelles Deutsch. Zuletzt erschienen seine Autobiografien Das Magische Auge und Die siebte Woge.

Für sein Lebenswerk erhielt Kühn 2014 in Mainz die Carl-Zuckmayer-Medaille des Landes Rheinland-Pfalz. Gewürdigt wurde er als herausragender Schriftsteller "von großer erzählerischer Kraft und mit unbändiger Lust an der Sprache". Er sei einer der gescheitesten und stilistisch beeindruckendsten Autoren deutscher Sprache.

Gerühmt wurde Kühn für seine neuen Übersetzungen von Gottfried von Straßburgs Tristan und Isolde (1991) und des Parzival von Wolfram von Eschenbach (1994) – vor allem aber für seine Biografie eines mittelalterlichen Sängers, Ich Wolkenstein (1977). Zu Kühns Werken gehören Biografien über Clara Schumann, Maria Sibylla Merian und Gertrud Kolmar, der Roman Geheimagent Marlowe, die Studie Schillers Schreibtisch in Buchenwald und der Erzählungsband Ich war Hitlers Schutzengel.

In seinen biografischen Werken – unter anderen über Napoleon, Goethe und Mozart – dichtete Kühn realen Personen fiktive Erlebnisse hinzu. So stellte er dem Komponisten Beethoven einen afrikanischen Sklaven zur Seite oder schrieb eine "virtuelle" Geschichte darüber, was passiert wäre, hätte Adolf Hitler 1938 das Attentat in München nicht überlebt.

Kühn nahm den Historikern nicht ab, dass ihre Lebensbeschreibungen so objektiv sind, wie sie scheinen. Jede Biografie sei viel stärker durch die Perspektive des Autors geprägt, als sich dieser normalerweise eingestehen wolle, meinte er. Ihn störte die scheinbare Unvermeidlichkeit vieler nacherzählter Lebenswege.

Kühn wurde am 1. Februar 1935 in Köln geboren, verbrachte seine Kindheit und Jugend aber in Bayern. Dorthin war die Mutter mit ihm im Krieg wegen der Bombenangriffe gezogen. Später kam die Familie nach Düren bei Aachen, wo Kühn sich in späteren Jahren in der Kommunalpolitik engagierte. Er studierte in Freiburg, München und Bonn und promovierte mit einer Arbeit über Robert Musils Mann ohne Eigenschaften.

Er wurde mit dem Hermann-Hesse-Preis und dem Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste geehrt. Deren langjähriger Präsident, der Germanist Dieter Borchmeyer nannte Dieter Kühn in einer ZEIT-Rezension einen "großen Anverwandler mittelalterlicher Dichtung in unserer Zeit". Seine Rekonstruktion des Tristan sei eine "Großtat auf einem schmalen Grat zwischen Dichtung und Wissenschaft" – und Dieter Kühn ein "Mittler des Mittelalters".