Auf Fotos sieht er aus wie ein verschmitzter Uhrmacher, zurückhaltend, verhalten humorvoll, vielleicht auch etwas skeptisch. Mit einer Zeitlupe vor dem inneren Auge bebrütete er die Mechanik im Uhrwerk des Erzählens. In jedem seiner Romane entstand eine eigene Zeitrechnung. Er begriff das Erzählen als ein System des Wissens, das sich selbst erschafft. Das machte ihn zu einem Autor, der die historischen Sujets seiner Romane dazu nutzte, über die eigene Gegenwart nachzudenken. Die Proteste gegen den Vietnamkrieg der sechziger Jahre brachten ihn zurück zu Julius und Ethel Rosenberg, die Bürgerrechtsbewegung zu General Shermans March im amerikanischen Bürgerkrieg.

Der Enkel russisch-jüdischer Einwanderer, geboren am 6. Januar 1931 in New York, wusste schon mit neun Jahren, dass er Autor werden würde. "Ich begann damit, zwei Fragen zu stellen, während ich ein Buch las, das mich begeisterte", sagte Doctorow einmal. "Nicht nur, was als Nächstes passieren wird, sondern auch, wie das möglich ist. Wie kann es sein, dass diese Wörter auf der Seite dafür sorgen, dass ich mich so fühle, wie ich mich fühle?"

Sein erster Roman – Welcome to Hard Times, eine Westernparodie – erschien 1960. Vorher leistete er Anfang der fünfziger Jahre seinen Militärdienst in der Nähe von Darmstadt. Danach arbeitete er als Dramaturg für Columbia Pictures und prüfte Romane, ob es sich lohnte, sie zu verfilmen, keine schlechte Schule für seinen außerordentlich visuellen Erzählstil, zumal er verstand, dass das Erzählen einer Geschichte anders nachgehen kann als ein Film.

Seine handwerkliche Erfahrung als Autor profitierte auch davon, dass er mehrere Jahre als Lektor von Autoren wie James Baldwin und Norman Mailer arbeitete. Die Jahre als Scout und Lektor schärften den handwerklichen Sinn für die eigentümliche Unruhe des Erzählens. Diese Arbeit unterschied er von der des Historikers mit einer entwaffnenden Antwort: der Historiker erzähle, was geschah, der Romancier, wie es sich anfühlte.

 In Ragtime, seinem erfolgreichsten Roman, verknüpft er die Frühgeschichte des Films, Freuds Vorlesungen in New York, die Mutterliebe des Entfesselungskünstlers Houdini, die Prähistorie der amerikanischen Arbeiterbewegung, die Frauenbewegung und die Geschichte des Boulevardjournalismus mit einem amerikanischen Wiedergänger von Heinrich von Kleists Kohlhaas, der in Ragtime den Namen Michael Coalhouse Walker trägt.

Ein Vorbote des Internet-Ausdruckers

In Billy Bathgate, Doctorows Antwort auf Tom Wolfes Fegefeuer der Eitelkeiten, illustriert er die Verführbarkeit eines jungen Mannes. Die Geschichte des Botenjungen aus der Bronx spiegelt den Amoklauf der "Gier ist geil"-Philosophie der Wall Street Banker in einem Rollenvorbild aus den Jahren der Depression, dem Gangster Dutch Schultz.

In seinem Roman Homer & Langley schildert er die Geschichte von zwei Brüdern, die ihr großes Upper Eastside Haus auf der Fifth Avenue in eine Messie-Deponie verwandeln. Langley wirkt wie ein Vorbote des Internet-Ausdruckers, sammelt nicht nur jede verfügbare Zeitung, sondern auch Klaviere, Schreibmaschinen, Tonbänder, Waffen, Fernseher – ikonische Repräsentationen der amerikanischen Kultur. Zugleich erzählt der Roman die Geschichte New Yorks im 20. Jahrhundert. Die Sammelwut Langleys ist wie ein Vorbote Googles, Langley ist ein Sachenaggregator.