Jüngst setzte sich Nora Bossong an dieser Stelle mit der Situation der Gegenwartslyrik in Deutschland auseinander, Hintergrund waren die 40.000 verkauften Exemplare von Jan Wagners Lyrikband Regentonnenvariationen. Die zeigten, so Bossong, dass "das Gedicht als Ware wiederentdeckt" sei.

Allem Anschein nach wirkt sich dieser Erfolg nicht auf die Verkaufszahlen anderer Dichter aus, auch wenn Denis Scheck in seiner Sendung Druckfrisch gleich eine Namensliste lieferte: "Bitte mehr davon! Und ab morgen stehen auch Uljana Wolf, Ulf Stolterfoht, Nico Bleutge, Hans Thill, Ror Wolf, Sabine Scho, Daniela Seel auf der Bestsellerliste." Dass sie nicht draufstehen, liegt, folgt man Bossong, unter anderem am Buchhandel, der "Lyrikbände meist nur äußerst vorsichtig einkauft", und wenn überhaupt, dann nur gängige Ware ("Brecht und Goethe").

Die Lyrik hat also ein klassisches Vertriebsproblem. Obwohl die "Ware" in den letzten Jahren immer attraktiver verpackt wurde. Herausragendes Beispiel sind die von Andreas Töpfer gestalteten Bände des Labels kookbooks, die man getrost en bloque kaufen und in einen Banksafe legen kann. In 100 Jahren werden sie als Preziosen und Geniestreiche der Grafikkunst ein Vermögen wert sein. Auch die meisten anderen Lyrikbände überzeugen mit aufwändiger oder zumindest liebevoller Ausstattung. Wenn also die Verpackung stimmt – liegt es vielleicht an der Dosierungsmenge? Handelsübliche Gedichtbände umfassen in der Regel 50 bis 60 Gedichte, meist in mehrere Abteilungen gegliedert; Ausdruck von Werkphasen, Arbeitszusammenhängen, Themen, mit denen sich die Autoren über einige Jahre hinweg auseinandergesetzt haben.

Immer schon überdosiert

Nur durch diese Zusammenstellung wird Buchdicke erreicht und nur dadurch sieht ein Gedichtband, was den Umfang betrifft, annähernd so aus wie die konkurrierenden, auf dem Markt erfolgreichen Druckerzeugnisse Roman und Sachbuch. Letztlich bedeutet das aber, dass in Buchstärke 60 Gedichte mit einem einzigen Roman konkurrieren, d.h. dass Gedichtbände immer schon mit einer "Überdosis" daherkommen. Der falschen allerdings. 

Überdosis – verstanden als sprachlicher Überschuss, Irritation, Geheimnis, nutzvolle Nutzlosigkeit, unbezahlbarer Reichtum – ist das Wesen der Lyrik. Um deren Wirkung zu erleben, braucht man keine jahrzehntelange Erfahrung, kein lexikongleiches Wissen, keine Rätselknackerqualitäten. Es genügt völlig, ein Gedicht sieben Mal zu lesen. Wenn möglich laut. Den Rest kann man getrost dem Gedicht überlassen. Davon können Sie sich in einem Selbstversuch überzeugen. Jetzt gleich.

Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie die Lektüre dieses Textes nun unterbrechen und ein Gedicht Ihrer Wahl sieben Mal lesen.

Nachdem Sie dies gemacht haben, wissen Sie: Lyriklektüre ist auf eine nur schwer zu beschreibende Weise faszinierend. Die Konzentriertheit des Gedichts überträgt sich während des Lesens in eine Erfahrung der Fokussierung bei ständig wachsender Offenheit der Wahrnehmung. So bekommt die Gedichtlektüre etwas von einer profanen Wortmeditation, bei der es eben nicht darum geht, "Kunst" zu erfahren, etwas "Abgehobenes", vom Leben Getrenntes. Sondern das Alleralltäglichste: die Sprache selbst.

In einer Welt, die uns beständig abzulenken versucht, ist die wiederholte Lyriklektüre eine einzigartige Form der Konzentration. Gerade unsere Zeit ist also prädestiniert, ein neues Zeitalter für das Gedicht anbrechen zu lassen.

Ein Roman. Ein Gedicht. Ein Lied. Ein Bild

Damit das geschehen kann, darf das Gedicht aber nicht mit falschen Maßstäben gemessen werden, so wie das heute die Regel ist. Es sollten auf dem Markt nicht 50 Gedichte mit einem Roman konkurrieren müssen. Der Umrechnungskurs müsste "eins zu eins" lauten. Ein Roman. Ein Gedicht. Ein Lied. Ein Bild. Es kommt nicht von ungefähr, dass die erfolgreichste und langlebigste Vermittlungsform von Lyrik in Deutschland in genau dieser Maßeinheit daherkommt: in der Frankfurter Anthologie der FAZ erscheint je ein Gedicht, das mehr oder minder kenntnisreich und luizid kommentiert wird.  

Die Sammelform Gedichtband, analog zum Musikalbum und zur Kunstausstellung, dient einzig und allein dem Zwecke des Verkaufs. Und gerade das funktioniert nicht. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass es im Bereich von Kunst und Musik gelungen ist, einen Markt zu etablieren, auf dem das einzelne Kunstwerk und das einzelne Musikstück so begehrt sein können, dass sie hohe Einnahmen erzielen.